Jetzt

Die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft – die Zeit… Jedes Jetzt ist in der nächsten Sekunde Vergangenheit. Im Grunde gibt es keine Vergangenheit, keine Zukunft und keine Gegenwart. Ich weiß nicht, was es ist, aber die Dreiteilung scheint nur eine irgendwie beliebige Form von Bestimmung zu sein. Die Gegenwart, die jetzt schon Vergangenheit ist, nagt immer an der Zukunft ohne je einen Bissen von ihr nehmen zu können. Wer meint, die Zukunft gebissen zu haben, der befindet sich bereits in der Gegenwart, die auch schon sogleich Vergangenheit ist – also, was soll der Unsinn?

Die Vergangenheit, sie ist nur Erinnerung. Geprägt werden wird durch die Millisekunden der ewig flüchtigen Gegenwart. Das meiste der Vergangenheit liegt ebenso im Dunkel wie die Zukunft. Dadurch, dass wir uns verhalten, wie wir uns verhalten, kann man vielleicht auf gewisse Realitäten schließen, die uns irgendwann mal widerfahren sind, aber das war es auch schon. Tausende Tage haben wir gelebt, an die wenigsten können wir uns erinnern.

Oft wird gesagt, man solle im Jetzt leben – aber was ist das? Das Jetzt ist Gegenwart gewordene Zukunft und sogleich auch schon Vergangenheit. Das Jetzt, die Vorstellung des Jetzt ist der hoffnungslose Versuch, irgendetwas festzuhalten, aber vergeblich.

Es ist alles im Fluss, alles bewegt sich, immer – jedenfalls ist das meine Wahrnehmung, vor allem dann, wenn ich sie auf den Begriff bringen will.

Wenn ich mit meinem schwarzen Hund Lea abhänge oder mit Alina, dicht an dicht, dann ist da auch alles im Fluss. Wenn ich mein Streicheln erstarren lasse, dann gefällt das den Hunden nicht. Es scheint so, dass sie mich lieber bewegt an sich haben wollen, nicht mit „toter“ Hand. Sie entziehen sich, wenn ich ihnen einfach so meine Hand auflege und sie wie tot liegenlasse.

Das Leben ist wie ein galoppierendes Pferd, das erst anhält, wenn man tot ist. Und wer weiß, wie es dann weitergeht – ich weiß es nicht. Mich betrübt, dass soviele Menschen so schlecht miteinander umgehen. Das ist wirklich erbärmlich. Woran es liegt, das will ich gar nicht darstellen, es änderte eh nichts.

Im Grunde kann ich nur sein, in mich hineinfühlen, was mit mir los ist, was ich gerade empfinde, wahrnehme und was ich in den nächsten Sekunden tun will, im Anschluss an das Jetzt sozusagen. In diesem Zusammenhang fällt mir auf, dass mir die ganzen „Ich weiß was Aussagen“ komplett zum Hals raushängen. Was weiß man schon? Was weiß man schon Bedeutendes? Wenn ich etwas wissen will, dann wende ich mich an Fachleute, je nachdem, was ich wissen will. Alles andere sind doch nur Gefühlsäußerungen. Wen interessiert schon, was ich sage? Was interessiert, höchstens, das ist wie ich etwas sage. Mir hört ja oft nicht mal jemand zu, wenn ich was sage, geschweige denn, dass verstanden wird, was ich sage.

Ich sehe das nicht negativ, sondern als Tatsache. Ich fragte hundert Leute einfach so, über Monate immer mal wieder, was das Leichteste auf der Welt sei und ich stellte ihnen diese Frage zehn Mal oder öfter und lieferte ihnen auch immer die Antwort. Das Ergebnis: Alle wussten bei ihrer letzten Befragung nicht, welche Antwort ich erwartete. Sie erinnerten sich nicht. Daraus folgt: Die Menschen sind an dem, was ich sage, in keinster Weise interessiert. Warum auch? Ändern können sie sich eh nicht. Also warum zuhören?

Warum lesen? Arthur Schopenhauer schreibt irgendwo: Schmerzfreiheit sei anzustreben. Und ich muss ihm Recht geben. Schmerzfreiheit der Seele und des Körpers. Und das geht bei mir nur, wenn ich mich dehne, bewege und ab und zu auf Lebewesen stoße, die nicht völlig in der Irre unterwegs sind. Letztere bilden allerdings, glaube ich, die überwiegende Mehrheit der Menschen. Deshalb will ich mit ihnen auch nichts zu tun haben. Ihre bloße Gegenwart schreit mich geradezu permanent an und dieses Schreien kann ich nicht mehr ertragen. Sollen sie zur Hölle fahren, sich vielleicht vorher selbst ficken.

Ich habe am liebsten meine Ruhe und meine Hunde um mich herum. Den Rest nehme ich so, wie er ist. Ich schreibe ganz gern. Schreiben ist für mich, wie für andere Menschen das Malen. Gemeinsam ist den Schreibern und den Malern, dass das Geschriebene selten gelesen wird, das Gemalte selten betrachtet. Fragen Sie Ihre Mitmenschen, welche Maler sie kennen. Die Antworten dürften ziemlich dürftig ausfallen. Da ist ja nichts, nur Alkohol, Drogen, der immer gleiche Trott und sonst nichts.

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