Namen…

Letztens übernahm ich die Patenschaft für einen Straßenhund. Dieser Hund war von der Straße aufgesammelt worden. Sein Zustand war erbärmlich – das Fell sah aus wie die Haare eines Hundertjährigen, der Hund war abgemagert und sein Ausdruck nicht besonders fröhlich oder vielversprechend. Die gute Tierheimdame hat diesen kleinen Schnaufi mit viel Aufmerksamkeit wieder voll in Form gebracht. Und selbst wenn seine Seele einen mehr oder weniger erheblichen Knacks bekommen hat – den Hund so in Form zu bringen, hat sicher viele Wunden geheilt.

Da es mir zurzeit sehr gut geht, übernahm ich die Patenschaft für den Hund. 50 Euro Tierarzt und im Monat 30 Euro für die Verpflegung und ein Dach über dem Kopf, im Rudel. So, was fehlte war ein Name. Wie sollte der Hund, ein Rüde, heißen?

Mir wurde offeriert, dass man von mir den Namen eines Schachweltmeisters erwartete, der so um 1909 gewirkt hat. Ja, gut, kein Problem, aber nicht alle Schachweltmeister haben nach meinen Informationen einen positiven Eindruck hinterlassen. Im Grunde gibt es zwei, von denen ich sagen kann: Wow, die sind‘s. Gari Kasparov finde ich zwar auch o. k., aber überzeugend vom Typ finde ich ihn nicht. Blieben also Robert/ Bobby James Fischer (1943 – 2008) und Wilhelm Steinitz (1836 – 1900, das Jahr übrigens, in welchem mein Stiefopa geboren wurde). Aaron Nimzowitsch (1886 – 1935) würde ich noch gelten lassen. Emanuel Lasker (1868 – 1941) wäre zur Not auch noch gegangen.

Aber wir sind bei Namen – Bobby (Fischer) geht nicht, weil Bobby heißt jeder zweite Rüde. Aaron, das klingt mir zu depressiv und mit Emanuel kann ich überhaupt nichts anfangen. Außerdem ist für mich wichtig, dass ich einen Hundenamen verniedlichen kann. Meine Hunde heißen Lea/ Leachen und Alina/ Alinchen/ Linchen – also das passt perfekt.

Was also tun? Wie entscheiden? Fischer – gut, man kann einen Hund Fischer nennen, wenn der Hund ein Rüde ist, wenn der Besitzer, also davon gehe ich mal aus, geistig extrem geschult ist (ohne eine Obermeise fliegen zu haben) und der Hund eine Persönlichkeit hat, also schlau ist und durschsetzungsstark, um nicht zu sagen dickköpfig. Da muss also einiges zusammenkommen. Und da dies tendenziell nicht der Fall ist und ich den Hunde nicht besitzen werde, war der Name „Fischer“ vom Tisch.

Natürlich würde ich damit klarkommen, einen Rüden Namens Fischer zu besitzen, aber irgendwie wäre das auch eine Art Degradierung dieses von mir doch geachteten Namens – also lassen. Gut, vielleicht läuft mir irgendwann man ein Rüde über den Weg, wo sich der Name aufdrängt, dann soll er auch so heißen. Aber das ist und war, wie erwähnt, nicht der Fall.

Mir wurde dann der Name Willy vorgeschlagen, abgeleitet von Wilhelm (Steinitz) – und ich muss sagen: passt. Der kleine Kerl scheint durchaus ein Willy zu sein und damit tue ich der Erinnerung an Steinitz auch nichts Ungutes.

Steinitz war übrigens seiner Zeit der weltbeste Spieler und erzielte auch in hohem Alter gelgentlich außerordentliche Ergebniss. Seine zeitweiligen Irritationen, die ihn auch mal in die Irrenanstalt führten, waren wohl eher nicht so dramatisch, jedenfalls nicht so, wie sie mitunter dargestellt werden. Außerdem muss man bedenken, in welch einer Zeit dieser Mann gelebt hat – da wäre man ja am besten 24 Stunden am Tag mit dem Maschinengewehr und einer Lastwagenkolonne mit Munition unterwegs gewesen (die Atombombe gab es noch nicht).

Bei dieser Gelegenheit fällt mir noch Paul Morphy (1837 – 1884) ein, der zwar ein exzellenter Schachspieler war und auch in Europa alles von der Platte geputzt hat, der aber auch wirklich ballaballa gewesen ist, aus reichem Haus, so ein Strumpf mit Loch irgendwie. War auch schnell weg vom Fenster der Typ.

Also Willy – Willy ist prima, weil mir der Typ Steinitz irgendwie gefällt, nicht zuletzt deshalb, weil er gegen starke Widerstände zu kämpfen hatte, wie übrigens auch Bobby Fischer, den ich noch mehr verehre. Also Heranwachsender hat man ja Idole. Erst ist es der Vater, dann kommen irgendwie Fernseh-, Sport- oder Sonstwashelden. Wenn man Glück hat, jagd man sie irgendwann alle zum Teufel und ist man selbst – vielleicht die Summe aller Idole, die man mal hatte, wer weiß.

Der letzte Typ, von dem ich sagen würde: das ist ein Typ, ein echter Typ gewesen, das ist Bobby (Robert James) Fischer. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, Vater abgehauen, von arbeitender Mutter und älterer Schwester großgezogen, musste er sich mehr oder weniger auf sich gestellt durch den Dschungel der Einsamkeit und Vollidioten schlagen – und er ist 1972 im Duell gegen Boris Spassky in Reykjavik Schachweltmeister geworden; mit 28 Jahren oder so. Und hinter ihm stand kein riesiger Verband, der im den fremden König auf dem Tablett serviert hätte und ihne von morgens bis abends bepimperte. Im Grunde hieß es: Fischer gegen den Rest der Welt. Und Fischer hat dem Rest der Welt 1972 in der Arsch getreten, erfolgreich.

Vielleicht wird deutlich, warum der Name Fischer für einen schlauen und selbstbestimmten Hund mit Kraft durchaus passend wäre.

Nichtsdestotrotz bin ich durch diese Aktion dazu motiviert worden, mich wieder eingehender mit dem Schachspielen zu beschäftigen. Das Buch von Steinitz „Modern Chess Instructor“ habe ich schon, bestellt habe ich eine Biografie über ihn von Kurt Landsberger (William Steinitz, Chess Champion, 2006).

Da ich die Tage viel Zeit habe, mich darauf einzulassen, werde ich das mal tun; vor allem auch deshalb, weil mich in dieser Zeit ein gewisser Ungeist umgeben wird, dem ich entgegenwirken muss.

Also, wohlauf Willy!

Übrigens – wäre Alina ein Rüde, passte auf sie der Name Fischer 🙂

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