Sternatlas

Ohne Sternatlas ist man als Anfänger der Beobachtung des Sternhimmel ziemlich aufgeschmissen. Nicht nur, dass das Teleskop, schaut man durch das Okular, viel mehr Sterne zeigt, als man mit bloßem Auge sehen kann. Die Verwirrung wird komplett, wenn man verstanden hat, dass das Teleskop die Objekte am Himmel auf dem Kopf stehend und seitenverkehrt abbildet.

Eine ungenaue Abbildung dessen, was man da sieht, führt also schnell zu einer vollständigen Verwirrung. Es ist wichtig, ob das Objekt, welches man im Okular sieht, auch das Objekt ist, welches man sehen will. Erst dann macht soetwas wie „starhopping“ Sinn.

Aber ich habe ja jetzt einen Sternatlas. Zuvor bediente ich mich eines Programms aus dem Internet (Stellarium), das zwar beeindruckend Bilder zeigt, aber auf mich zu ungenau wirkt.

Sei‘s drum. Falls heute Abend klare Sicht auf den Sternhimmel gegeben ist, dann schnappe ich mir mein 200er Rohr und fahre zum nahegelegenen Sportflughafen. Dort habe ich einen recht guten Platz zum Observieren. Es ist nicht der ideale Platz, aber für meine nächsten Vorhaben ist er o. k.

Rein statistisch gehe ich mal davon aus, das Sie, meine lieben Leser und Leserinnen, keine Astronomie betreiben. Und ich muss Ihnen sagen, dass dieses Hobby von meiner Seite nicht empfehlenswert ist. Das, was man durch ein Hobby-Teleskop erkennen kann, hat mit den spektakulären Aufnahmen in Zeitschriften und im Internet nichts zu tun.

Diese Aufnahmen wurden meist mit dem Weltraumteleskop Hubbel realisiert, dessen Projektkosten sich im Milliarden Dollar Bereich bewegen. Das neueste Weltraumteleskop, John Webb, liegt in seinen Realisierungskosten bei ungefähr 10 Milliarden Dollar.

Also, durch ein Hobby-Teleskop mit 200 mm Öffnung sieht man mehr oder weniger helle Punkte, mal vereinzelt, mal auf dem Haufen, mal sieht man einen grauen Schleier (Nebel) und das war‘s. Mit einiger Übung und bei genauerem Hinsehen und mit besserer Sehkraft erkennt man vielleicht noch ein klitze kleines Bisschen mehr, mehr aber auch nicht.

Mir ist dieses Wenige jedoch im Moment mehr, als dieses „Zeug“ um mich herum. Die Dinge, die Zusammenhänge, die Menschen – das empfinde ich als wertlosen Müll. Ein paar Menschen würde ich als erträglich einstufen, so, für mich, und die Menge schätze ich mal so auf 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung; wenn überhaupt. Statistisch gehen geht mir also ungefähr jeder voll auf den Sender. Aber das ist ja nichts Neues und gilt in umgekehrter Richtung sicher genauso 🙂

Im Moment befinde ich mich im Zustand der Zufriedenheit. Ich wohne mit einem erträglichen Menschen zusammen, ich habe zwei gut ausgeprägte Hunde und endlich eine Freizeitbeschäftigung, die mich in den Stand versetzt, so rumzuhängen, wie ich es gut finde.

In der zivilisierten Welt muss man einges beachten. Gerade in der christlich zivilisierten Welt gilt einfaches Abhängen bei Nacht, irgendwo zwischen nichts und nirgendwo als verdächtig. Mit dem Alibi der Sternobservation ist man da fein raus. Die Tätigkeit ist für den Deppen verstehbar. Das Bild, welches sich ihm darstellt, sieht wie folgt aus. Da ist ein Typ mit Auto und zwei Hunden und einer riesigen Blechtonne auf einem Stativ, der steht da rum, glotzt sich die Sterne an und scheint offenbar interessiert an seinem Tun. Klar, das Auto braucht er zum Rankarren seiner Ausrüstung, den Tee zum Warmhalten und die Hunde als Gesellschaft. Roger, gebongt, gebucht und erledigt.

Astronomie hat ungefähr so eine Wirkung wie das Schachspiel. Beides ist gesellschaftlich relativ hoch angesehen, so gut wie niemand kennt sich damit aus (zu kompliziert), man akzeptiert beide Realitäten, will aber möglichst nichts damit zu tun haben. Deshalb trage ich ein T-Shirt mit der Aufschrift „Schach macht Spaß“ (was es ja auch tut, wenn man etwas Verstand hat) und betreibe Astronomie (was auch Spaß macht, vorausgesetzt man hat etwasa Verstand).

Die Leute sind fasziniert von der Komplexität beider Realitäten (der des Schachs und der Astronomie), aber zugleich auch abgestoßen, denn sie wollen es einfach, schnell und in verdaulichen Häppchen, möglichst ohne ihren nicht vorhandenen Verstand anzustrengen.

Manchmal treffe ich allerdings auf Menschen, die sich im Schach auskennen (tendenziell nie) oder/ und die auch mit der Sternenkunde vertraut sind. Da braucht es dann auch kein großen und langwieriges Beschnuppern, sondern man ist, bei vergleichbarem Bildungsgrad (also nicht inkommensurablem:), sofort bei der Sache.

Letztens rief ich einen Astronomen aus Lübz an, den ich nie gesehen habe, den ich zuvor nie gesprochen hatte und telefonierte eineinhalb Stunden am Stück mit ihm, ohne das ich das Gefühl hatte, dass mir fad würde. Er war nicht nur beruflich ein Fachmann, er zeichnete sich dadurch aus, dass er neben seiner beruflichen Tätigkeit auch noch ein weiteres Interessengebiet für sich aufgebaut hatte.

Mit solchen Leuten kann man unter Umständen etwas anfangen – den Rest kann man getrost in der Pfeife rauchen.

Sich in der Menschenwelt zurechtzufinden ist einfach – meiden!

Am Sternenhimmel ist das anders. Sterne an sich nehme ich weder als böse oder gut wahr. Sie sind halt einfach da und fertig. Um mich unter ihnen zurechtzufinden, brauche ich einen Sternatlas und den habe ich jetzt – sehr gut.

Falls der Himmel heute Abend etwas hergeben sollte, werde ich vor Ort sein. Mein nächstes Ziel ist der Virgo Galaxienhaufen, südlich des Sternhaufens des Haares der Berenike…

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