Der Hund und Phänomenologie

Also Alina, die Hündin, welche das Beitragsbild zeigt, macht das sehr klar. Entweder ist sie emotional und lässt sich auf meine Nähe ein, ja sucht sie geradezu oder sie nimmt Abstand von mir. Aber selbst in der Nähe ist da immer ein Wechsel von Nähe und Abstand ihrerseits zu erkennen. Und wenn wir gemeinsam auf der Wiese liegen und uns den Wind um die Nase wehen lassen, rückt sie meistens nach einiger Zeit etwas von mir weg und lässt sich erneut nieder. Das ist meist dann der Fall, wenn sie sich zuerst hingelegt hatte und ich mich zu ihr legte, vielleicht mit einem Meter Abstand. Dann steht sie wie erwähnt meistens nach kurzer Zeit auf und legt sich ein, zwei Meter weiter weg. Dieser Zustand ist dann stabil.

So verhält es sich auch mit der Phänomenologie – es gibt Situationen, da sollte ich besser von meinen Menschen abrücken, selbst wenn sie mir nahe kommen, also meine Nähe suchen und sie mehr wie ein Schaf oder ein aufdringliches Wesen betrachten. Mit anderen Worten, mich auf diese Menschen in dieser Situation emotional nicht einlassen. Sondern sie rational beiseite schieben und Abstand zu ihnen einnehmen. Bei anderen Menschen und in anderen Situationen ist es besser, mich emotional auf die Nähe des Anderen einzulassen.

Abstand würde ich hier als phänomenologisches Verhalten bezeichnen, Nähe als gefühlsmäßig. Beobachte ich meine Mitmenschen phänomenologisch, also eher als biologisch-psychisches Wesen, dann stelle ich oft fest, dass mir eine emotionale Nähe als absurd erscheint. Ich kann im Anderen oft nichts erkennen, was mich emotional zu einer intensiveren Nähe veranlassen würde.

Hat ein Mensch hingegen auf der phänomenologische Seite einiges zu bieten, wird da etwas oder einiges gezeigt, was mich interessiert, dann bin ich auch eher bereit, mich auf eine emotionale Nähe einzulassen. Natürlich nicht in allen Fällen, aber so in der Regel.

Für meinen Fall heißt das, dass mich eine gewisse Bildung und gewisse intellektuelle Fähigkeiten derart ansprechen, dass ich eher bereit bin, Nähe zuzulassen. Bei Dummköpfen habe ich das Gefühl, dass eine Nähe zu ihnen garnicht möglich ist.

Deshalb ist mein Hund Lea vermutlich intellektuell etwas eingeschränkter als Alina, weil Lea meine Unfähigkeiten nicht so kristallklar zu erkennen in der Lage ist, wie Alina. Alina kann mich viel besser lesen, während ich für Lea tendenziell der Held bin, der anhimmelungswürdige Held. Dieser anhimmelungswürdige Held bin ich für Alina in den allerseltensten Fällen, selbst dann nicht, wenn wir gemeinsam kuscheln.

Für Alina bin ich phänomenologisch nicht so interessant, wie ich es für meine Hündin Lea bin. Manchmal bin ich sogar geneigt zu vermuten, dass Alina mich großzügigerweise als Deppen akzeptiert, wobei ich dieses Gefühl wirklich nicht immer habe. Aber doch recht oft.

Wenn ich also das Gefühl habe, dass mir meine Hündin Alina zu verstehen gibt, dass ich aus ihrer Sicht ein ziemlicher Holzkopf bin, dann können sie davon vielleicht ableiten, wie es mit den Menschen in meiner Umgebung bestellt ist. Also ich bin mir zeitweise durchaus bewusst, wie eingeschränkt meine Fähigkeiten sind und ich gelegentlich dümmer als blöd handel. Meine Umwelt hingegen ist im Großen und Ganzen so eingestellt, dass da ungefähr Null Selbstkritik geäußert wird. Also wirklich Null!

Vielleicht hat Alina mich auch deshalb ausgesucht – weil ich bei unserer ersten Begegnung nicht versuchte wie ein besoffener Pfau einen Bären darzustellen, der eigentlich ein Volltrottel ist. Dieses Mindestmaß an Intellektualität mag sie durchaus angesprochen haben. Sie hat sich ja, nach eingehenderen Studien aus sicherer Entfernung, an mich rangeschmissen. Sie hatte mir ja klipp und klar zu verstehen gegeben: Nimm mich! Und da ich nicht vollständig verblödet war und bin, nahm ich sie.

Und wir sind ein gutes Team – auf der emotionalen und auf der Phänomenologischen Ebene. Und Lea ist eine wohlgesonnene, hinzugekommene Spielkameradin, die einen gesunden Schuss Emotionalität in die Runde einträgt. Das emotionalste Wesen von uns dreien ist Lea, dann kommen ich und Alina, ungefähr gleich auf. Alina kann genauso spröde sein wie ich, auch sie unterscheidet auf einen Kilometer die Dummis von den Brauchbaren, auch sie kann sich chamäleongleich einer Situation anpassen, auch wenn man ihr ansieht, dass es nur gespielt ist, ihr Gefühl des Wohlbehagens durch das Streicheln seitens eines anderen Menschen.

Sie schaut mich an, während sie von einem anderen gestreichelt wird. Aus dem oberen Bild lese ich: Siehste du Arsch (also ich), ich habe durchaus Alternativen – wobei aus ihrem Blick zu lesen ist, dass sie es selbst nicht glaubt.

Wie dem auch sei – meine Hündin Alina beherrscht die Phänomenologie mit Sicherheit besser, als die Mehrheit der Menschen.

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