Positive Begegnung

Ja, das gibt es, sogar mitten im Ghetto, also einer Ansammlung von Wohnblöcken, welche die Lebendigkeit einer Wand aus Eisen austrahlt. Ich traf sprach dort heute einen Typen an, der sich eines alten Spielplatzes für Kinder angenommen hatte, der sicher seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt wird. Die Tischtennisplatte aus Stein ist verfallen, die Klettergeräte aus Metall verrostet und alles zum Teil von Pflanzen überwuchert.

Inmitten dieses Gezeugs machte dieser junge Mann seine Turnübungen – ja, richtig, Turnübungen. Ich dachte, sowas gibt es nur im Fernsehen, aber nein, es war Realität. An das Metallzeug hängte er Ringe, wie man sie aus Turnhallen kennt. An diesen vollführte er irgendwelche Aktionen, auf der Tischtennisplatte machte er Handstände.

Neugierig geworden, ob er das professionell betreibt, sprach ich ihn an. Ein junger Mann aus Russland, Anfang 20, der deutsche Sprache gut mächtig, offen, Gymnasium, Klavierschüler und eben auch Turner. Ich fragte ihn, ob er dies im Verein tun würde usw., aber er meinte, dass dort der Zug für ihn abgefahren sei. Es gäbe da in Großbritannien und Frankreich eine recht große Szene von „Street-Turnern“ und dieser würde er sich zugehörig fühlen. An seinem Wohnort gäbe es allerdings nur sehr wenige Interessierte, aber sie würden sich regelmäßig treffen und schauen, wer was kann, wer sich wie entwickelt hat.

Das war mal was – der Typ war richtig offen, mitteilsam, konnte zuhören und spielte nebenbei auch noch Tischtennis. Das war mal eine positive Begegnung. Ansonsten laufen hier Verlierer, Suffköppe, Gescheiterte herum, Penner und Gesocks halt.

Der Typ war mal eine angenehme Ausnahme. Das meine ich, wenn ich davon spreche, dass nicht alle Menschen Affen sind. Der war keiner! Alle anderen, mit denen ich in dieser Gegend Kontakt hatte, die Leute, die ich auf der Straße sehe, die kommen hingegen alle so rüber, dass es besser ist, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen. Der Typ war o. k.

Mir ist bei der Begegnung mit diesem Typen aufgefallen, wie selten ich solchen Menschen zusammentreffe. Verschissenen Hohlköpfen laufen ich dauernd über den Weg. Selbst bei meinen Flughafenumrundungen bleiben Begegnungen mit diesen Misthaufen auf zwei Beinen nicht aus. Aber mitten im Arschloch der Gesellschaft einen Typen zu treffen, der an einen Menschen erinnert – das war mal echt eine Sensation. Unter Menschen einem Menschen ist eine Sensation.

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