Verrückt

Man sollte versuchen, positiv an die Sache heranzugehen. Welche es auch sei. Das stete Verdammen anderer Menschen und Sachverhalte, das bringt einen nicht weiter, da bleibt man stehen. Und wenn man früh stehenbleibt, dann verhält man sich mit 53 Jahren noch wie ein Fünfzehnjähriger. Kann man wollen, muss man aber nicht.

Ich habe da keinen Bock drauf. Keinen Bock habe ich und hatte ich auch nicht bezüglich einer Karriere in der Wissenschaft, der Philosophie. Wenn ich mir heute, mit 53 Jahren, anschaue, was so aus den Dienstgraden der Leute geworden ist, die zu meiner Zeit Lehrbeauftragte an der Uni Hamburg waren, dann bin ich froh, dass mich mein Unbewusstes auf andere Pfade geleitet hat.

Die genannten Leute stehen auf ein gelecktes Äußeres, sind auf ständige Umsiedlungen angewiesen, hängen jobmäßig immer irgendwie in der Luft, sind sie, mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,01 Prozent dann irgendwann ordentliche Professoren, führt ihr Größenwahn sie in das Verderben oder in die geistige Umnachtung. Ist nicht mein Fall, war nicht mein Fall, soll nicht mein Fall werden.

Wenn man zu tief in eine Sache eintaucht, egal ob Musik, Wissenschaft, Kunst oder Sport, in das Meer, dann wird es um einen herum so finster, dass man nichts mehr erkennt. Man spürt nur noch den Druck, sonst nichts mehr. Auch nicht mein Fall, ganz und gar nicht.

Ich glaube, man ist in diesem Rahmen einfach nur ein Gehetzter. Schaue ich mir die Profs von damals an, dann sehen die, die ich vor 20 Jahren erlebte, noch genau so aus wie vor 20 Jahren. Immer noch geleckt, bemalt, so, als wären die Jahre spurlos an ihnen vorüber gezogen, so, als kauften sie immer noch beim gleichen Klamottenhändler die gleichen Klamotten, die gleiche Uniform.

Die Uniform des Geistigen… Kann man mögen, muss man nicht. Ich plädiere ja dafür, seine Kluft von Zeit zu Zeit einer Veränderung zu unterziehen. Ich plädiere auch dafür, seine Tätigkeit von Zeit zu Zeit tendenziell einem anderen Bereich zuzuführen.

Immer Zahnarzt, immer Straßenbauer, immer Verkäufer für Unterwäsche, immer Gärtner, immer Busfahrer, immer Soziologe, das hört sich für mich an wie Gefängnis. Mal in Bautzen, mal in Santa Fu, mal in Stammheim, aber immer Gefängnis. Aber wie gesagt, kann man drauf stehen, kann man mögen, kann man machen, geht.

Ich finde das doof. Immer Eintopf, immer Steak, immer Fahrrad fahren, immer dies, immer das, was für eine Entwicklungsbremse. Aber warum soll man sich auch entwickeln?

Was ist wichtig? Der eine hält etwas für wichtig, was ein anderer wiederum für völlig absurd erklärt und umgekehrt. Der eine mag Schnitzel, der andere verflucht es. Was ist richtig? Was ist verkehrt?

Ich denke dass es wichtig ist, sich selbst gegenüber einigermaßen ehrlich zu sein, auf sein Gefühl zu hören, in sich zu forschen, um herauszufinden, was einem gefällt und was nicht. Um nach Findung das eine zu tun, das andere zu lassen.

Und dafür ist Selbstreflexion gefragt. Ohne eine gescheite und immer wieder ausgeführte Selbstreflexion landet man im Unheil und zwar schneller, als eine Katze Miau sagt.

Wenn man dann feststellt, dass man einen falschen Weg gewählt hat, bzw. der gewählte Weg nicht mehr begehbar ist, dann ist man aufgefordert, sich einen anderen, einen neuen Weg zu suchen. Dafür muss man mitunter ein Stück zurückgehen, heißt: Mal wieder mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen versuchen.

Viel Erfolg bei ihren Stehversuchen, Ihr Jörg Baumann

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