Blutspur, Roman, Erster Teil

Müde und erschöpft lag ich auf meinem Hotelbett. Auf einer Decke neben dem Bett hatte sich meine Hündin Lini zusammengerollt, ebenso müde und erschöpft. Um uns tobte die Hitze des Goldrausches, der hier vor ein paar Monaten begonnen hatte. Es war Mittagszeit und dennoch schwabbte ein mächtiges Getöse der Hauptstraße Pueblos in unser Zimmer. Mir war es egal. Ich und mein Hund brauchten Erholung. Wir waren drei Wochen der Fährte einer Gruppe von Bankräubern gefolgt, hatten sie gestellt und ich hatte alle erschossen. Ich tat dies im Rahmen meiner Tätigkeit als Bundesmarshall. Meine treue Hündin hatte sie aufgespürt. Da sich die Banditen nicht ergeben wollten, musste ich sie töten. Der Steckbrief hatte Tot oder Lebendig gelautet. Nachdem ich die Leichen dem Stadtmarshall übergeben hatte, waren wir in diesem Hotel abgestiegen. Wegen Lini erhielt ich ein nicht ganz so nobles Zimmer. Aber ich war zufrieden. Mehr als ein Bett und eine Waschgelegenheit brauchte ich nicht.

Ich ritt seit zwei Jahren als Bundesmarshall durch die Gegend, spürte Verbrecher auf, beteiligte mich bei bundeseigenen Goldtransporten an der Wachmannschaft, kümmerte mich um die Unterbringung bedrohter Zeugen und hing ansonsten am liebsten mit meiner Lini am Lagerfeuer herum. Ich war jetzt dreiunddreißig Jahre alt. Vor meinem Job als Bundesmarshall war ich ein paar Jahre Deputy gewesen, erst auf Stadtebene, dann für das Land Colorado und schließlich für die Vereinigten Staaten. Obwohl ich die von mir Erschossenen nicht mehr zählte, bin ich kein blutrünstiges Wesen. Ich mag nur nicht wenn irgendwelche Menschen zu Tode kommen, bei einem Überfall zum Beispiel. Da sitzen dann meist Frau und Kinder ohne Ernährer mehr oder weniger erbärmlich zuhause und wissen nicht wie es weitergeht. Vom menschlichen Verlust einmal abgesehen. Wer meint, solche Realitäten herstellen zu müssen, der muss dann halt auch ertragen, dass man mit ihm ebenso verfährt.

Vor meinem Job als Diener des Gesetzes war ich an der Ostküste für eine Zeitung als Journalist tätig gewesen. Grundlage waren meine Studien der Jurisprudenz und der deutschen Literatur gewesen.  Während meines Zeitungsjobs war ich öfter auf der Jagd gewesen. Aber das Jagen bereitete mir nie wirklich Freude. Was ich jedoch erkannte, das war mein Talent, den Colt zu ziehen. Ich konnte nichts besonders gut, das meiste nicht mal gut. Wenn es aber darum ging, den Colt aus dem Halfter zu ziehen und ein Ziel zu treffen, waren meine Leistungen einzigartig. So einzigartig, dass ich mich beim ersten Ziehen selbst erschrocken hatte. Dann nahm alles seinen Lauf. Der Job bei der Zeitung begeisterte mich wenig, mein Talent mit dem Colt baute ich weiter aus, bis ich irgendwann meinen Job quittierte und in den Westen zog, um meine Künste hilfebedürftigen Stadtmarshalls anzudienen.

Ich erinnere noch meinen ersten Job in Julesburg. Mein Ritt hatte mich zufällig dorthin geführt. Es war ein Nest ohne nennenswerte Einwohnerzahl, verstaubt, ein Nichts im Nichts, mit einem alten Marshall, der dort die letzten Lebensjahre zu erleben hoffte. Wir begegneten uns im Salon. Ich war gerade dabei gewesen meinen mächtigen Hunger zu stillen, als drei Desperados in den Salon drängten. Sie machten mächtig Wirbel und raubten mir von Sekunde zu Sekunde mehr den Nerv, als der Marshall in der Schwingtür erschien. Die Desperados dachten, sie könnten sich mit dem alten Mann ein übles Spielchen erlauben, machten Witze über ihn, provozierten. Der Marshall war trotz seiner Schrotflinte überfordert, das war klar. Naja, dann kam es, wie es kommen musste. Ich schaltete mich in das Treiben ein, zeigte kurz, wie schnell mein Colt bereit und in der  Lage war, ihre Lichter auszupusten. Ihr Verschwinden war fast so schnell wie mein Colt.

Der Marshall war mir jedenfalls sehr dankbar gewesen, hatte mir den Deputystern angesteckt und mir die Grundlagen des Marshalljobs beigebracht. Das alles ging mir durch den Kopf, wie ich auf dem Bett lag, zu erschlagen, um mir auch nur die Stiefel auszuziehen. Aber ich war mit meinem Job zufrieden. Lini war mir vor knapp einem Jahr zugelaufen. Sie war irgendein Mix aus Kurzhaarcolli und sonstwas. Auf einmal war sie an meinem Lagerfeuer aufgetaucht. Da sie recht ausgehungert aussah, bot ich ihr ein paar Bissen Trockenfleisch an, die sie gierig verschlang. Seit diesem Abend sind wir ein eingeschworenes Team.

Alle meine Verwandten und Bekannten hatte ich im Osten zurückgelassen und ich kann sagen, dass ich niemanden vermisste. Ab und zu sehnte ich mich nach körperlicher Nähe. In solchen Momenten suchte ich ein Freudenhaus auf und versuchte diejenige unter den Frauen zu finden, die den intelligentesten Eindruck machte. Meist wurde ich auch fündig. Eine längere Beziehung wollte ich nicht eingehen. Für mich war im Moment wichtig, auf Menschenjagd zu gehen und mit Lini abzuhängen, mehr interessierte mich nicht.

Mein Name, John Smith, hatte im mittleren Westen schon einen gewissen Ruf. Somit blieb es nicht aus, Bundesmarshall hin, Bundesmarshall her, dass junge Revolverschwinger versuchten durch meinen Tod zu Ehre zu gelangen. Bisher waren sie alle gescheitert. Ich muss dazu sagen, dass meine Revolverkünste wirklich außerordentlich waren. Mir liegt fern, damit anzugeben. Sie werden es nicht glauben, aber mein Rekord in legendär. Einmal stand ich einer Bande aus zwölf hartgesottenen Galgenvögeln gegenüber, mittags, auf der staubigen Hauptstraße irgendeines vergessenen Ortes in den Bergen Colorados. Während ich für die meisten aussah wie der Depp aus der Spätvorstellung, wirkte die Reihe der Mörder und Räuber, der ich gegenüberstand, wie die Perlenschnur des Todes. Wie ich so auf meinem Bett liegend darüber nachdachte, musste ich schmunzeln. Kaum hatte irgendeiner der Killer gezuckt, hatte ich meine beiden Colts heraus und zu ballern begonnen. Aus der Reihe vor mir fiel nicht ein einziger Schuss. Die Szene muss gespenstisch gewirkt haben. Zwölf Leichen am Boden und ein Typ, der, nur erahnend zu erkennen, im Pulverdampf stand. Es ist so. Seit diesem Ereignis reicht die Erwähnung meines Namens, um die Gemüter zu beruhigen. Er war ein Segen und ein Fluch.

Mit der Zeit hatte ich mir die Wachsamkeit des Luchses zueigen gemacht. Ich konnte Gefahren wittern. Und wenn meine Witterung versagte, übernahm Lini diese Aufgabe. Als herumstreunender Hund mit was weiß ich was für Erfahrungen, war auch sie gewohnt, Gefahren zu erahnen. Wir waren ein echt gutes Team.

Nun lag ich also da auf meinem Bett, die Geräusche von Linis Atem in meinem Ohr. Mein Job war erledigt und noch stand kein neuer auf meinem Plan. Ich würde ausschlafen und mich dann auf den Weg zur Telegrafenstation machen, um mir einen neuen Auftrag abzuholen.

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