Pagosa-Springs

Von allem hatten wir genug. Ich überlegte, wie wir so durch die bergige Landschaft Colorados ritten, ob ich nicht wirklich von allem genug hatte. Wie sollte oder wollte ich meine Zukunft gestalten? Dauernd Leichen herstellen, Geld einsacken, durch die Landschaft reiten, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr, den Rest meines Lebens? Gut, ich hatte jetzt einen treuen Hund als Gesellschaft, mein Rappe tat mir ebenfalls gut und Genuine schien keine vollständige Nervensäge zu sein – aber sonst? Bald würden die nächsten Selbstmordkandidaten vor mir stehen, den Tod anflehend und ihn bekommend. Aber dann kam mir der Gedanke, dass ich jetzt Genuine an meiner Seite hatte, die diesen Job übernehmen konnte und wollte. Ich würde mich in der nächsten Zeit auf die Zuschauerrolle beschränken können. Das war zwar nicht besonders viel, aber angesichts der Umstände immerhin etwas.

Im Grunde sehnte ich mich nach einem Einsiedlerleben. Das Problem hierbei war jedoch, dass ich jeden Krempel selbst erarbeiten musste. Essen, Trinken, Holz für den Winter, Tauschmittel, alles musste ich selbst ranschaffen. Wenn ich jedoch weitermachte wie bisher, dann würde mir die lästige Selbstversorgung erspart bleiben. Ich entschloss mich, dass das Meiden der lästigen Selbstversorgung das kleinere Übel war. Kaum hatte ich mich dazu entschiedenn, heiterte sich mein Gemüt ein wenig auf. Mir schien, dass es sich derart aufhellte, dass mir Stella, wie sie so an meiner Seite neben mir her trottete, dies auf fröhlichere Weise tat.

Unser nächstes Camp schlugen wir an einem kristallklaren Bergbach auf. Ich fing ein paar Fische, während Genuine das Feuer anfachte. Auf die nächste Beute wartend, musste ich an all die Volltrottel dieser Welt denken. Durch mein Morden, dachte ich, schlug ich zumindest eine Schneise in diesen Haufen von Idioten. Allerdings schlug ich diese Schneise weniger aus Lust und Laune, sondern aus Notwendigkeit. Wäre ich nicht so gut mit dem Revolver, wäre ich schon seit einer Woche tot oder ein vollendeter Stiefellecker. Beides passte mir nicht so recht. Sollte Genuine die nächsten Schneisen schlagen. Ich war mir sicher, dass sie dies erfolgreich tun würde. Wenn es eng wurde, stünde mir ein Eingreifen offen. Doch die Art, wie sie die letzten Armleuchter ausgeknipst hatte, gab mir Hoffnung.

Als ich genug Fische gefangen hatte, ging ich zurück und präparierte sie für das Feuer. Wir aßen schweigend. Nachdem wir unsere Zigaretten angeraucht hatten, fragte ich Genuine, was dazu geführt hatte, dass auf sie ein Steckbrief ausgeschrieben worden war. „Das ist eine lästige Geschichte“, antwortete sie und machte nicht den Anschein, mir diese mitteilen. Aber ich drängte sie und so begann sie widerwillig zu erzählen: „Es war vor ein paar Jahren in irgendeinem Drecksnest im Süden. Kurz bevor ich die Stadt erreichte, brach mein Pferd zusammen und war tot. Meine Kasse war knapp. Im Saloon wurde ich dann blöde angesprochen. Ein Wort gab das andere und dann endete es, wie es enden musste. Drei Leichen und der Town-Marshal meinte, ich gehörte ins Gefängnis. Dabei hatte einer der drei Typen zuerst gezogen. Da es aber der Sohn eines der fetten Rancher der Gegend war, stand das Urteil schon fest. Ich konnte dann mit einer List den Gefängnisaufseher überwältigen und fliehen. Seit dem gibt‘s für mich fünftausend Dollar, tot oder lebendig.“ „Das ist irgendwie eine unbefriedigende Geschichte“, sagte ich, „wir sollten uns vielleicht mal diesen Rancher vorknöpfen Genuine, was meinst Du?“ „Das wird nicht so leicht. Die fette Qualle verlässt selten seine Farm und hat ständig einen Haufen Revolverschwinger um sich rum“, sagte sie resignierend.

Mein Entschluss stand fest. Also sagte ich ihr: „Ach was! Ich bin dafür, dass wir íhm die Hölle heiß machen.“ „Tja, toll, und wie?“, fragte Genuine ein wenig abgenervt. „Ganz einfach“, sagte ich, „wir reiten zunächst zum zuständigen Richter und legen diesem die Sache nochmal vor. Vermutlich wird er jedoch ein Arschkriecher des Ranchers sein, uns also zum Teufel schicken wollen. Also werden wir ein paar Burschen ausfindig machen, die Zeugen des Vorfalls waren. Diese bringen wir dazu, vor dem Richter korrekt auszusagen. Dann reiten wir zum Rancher und schicken ihn zur Hölle. Das hört sich doch gut an, oder?“ Genuine schwieg.

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