John Smith Teil 6 – Das Rattennest

Genuine nahm sich einen ordentlichen Haufen Tabak aus meinem Vorrat, drehte sich mit geschickten Fingern eine Zigarette und zog genüsslich den ersten Rauch in ihre Lungen. Ihre griffbereit neben sich abgelegte Schrotflinte hatte sie dabei immer in ihren Augenwinkeln behalten. Nach ein paar Zügen an ihrer Zigarette sagte sie: „Na, dann schieß mal los mit deiner Geschichte Cowboy“ und schaute auffordernd zu mir herüber. Ich drehte mir eine Zigarette und schilderte ihr in kurzen Worten meinen Werdegang. Der frühe Verlust meiner Eltern, meine gemeinsame Zeit mit dem Pokerspieler und Revolvermann, dann meine Zeit als Deputy Sheriff in den wilden Städten Colorados, die Leichen, die Prämien, die Abstumpfung. Sie nahm diese Schilderung ausdruckslos zur Kenntnis. „Und ich hätte sie vorhin locker abknallen können, Gen“, schloss ich meinen Bericht. „Und ich hätte nur den Finger krumm machen müssen, Cowboy“, erwiderte sie abfällig, die Kippe in das Feuern werfend. Um ihr einen kleinen Eindruck zu geben, was los ist, zog ich meinen Revolver und hatte ihn aus dem Holster, bevor ihr Zigarettenstummel das Feuer erreichte. Es war für mich nicht schwer, den Eindruck in ihren Augen abzulesen, den diese Demonstration auf sie gemacht hatte. Schnell schob ich den Colt zurück ins Holster. „Das war gut, Mister. Aber was werden sie jetzt tun?“ „Ich denke, ich werde hier noch ein bisschen am Feuer ausruhen und mir dann einen eigenen Schlafplatz suchen.“ Die Vorstellung, mir ihre Geschichte anhören zu müssen, ermüdete mich. „Bleiben sie doch hier am Feuer“, sagte sie, „vielleicht können wir sogar ein paar Meilen zusammen reiten.“ „Woher der Sinneswandel? Vor ein paar Minuten lag ihnen noch sehr viel daran, mich bald weiterreiten zu sehen.“ „Wir könnten sicher den einen oder anderen Job gemeinsam erledigen. Sie können gut mit dem Revolver umgehen, ich bin eine Frau. Wir könnten sicher eine Menge Dollars machen. Was meinen sie?“ „Dollars habe ich genug, Miss Genuine.“ „Aha, Dollars hat er also genug. Na schön, war nett, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, John Smith.“ „Aber vielleicht sollten wir uns doch eine Weile zusammentun“, wandt ich ein. „Irgendwie habe ich im Moment das Talent dauernd auf Typen zu stoßen, die mir völlig auf die Nerven gehen. Die in den letzten Tagen von mir umgelegten Galgenvögel reichen mir.“ „Und jetzt meinen sie, ich könnte an ihrer Seite reiten und bei Bedarf diesen Job übernehmen?“ „Ja, so ungefähr“, antwortete ich uns grinste ihr ins Gesicht. „Wollen sie dann nicht wissen, welchen Färten ich bis jetzt gefolgt bin?“ „Ach je, das werden sie mir sicher irgendwann erzählen. Für heute fehlt mir die Laune, Lebensgeschichten anzuhören. Wir sollten besser ein bisschen schlafen und schauen, was der morgige Tag bringt“, schlug ich vor.

Die Fremde machte auf mich einen angenehmen Eindruck. Sie ließ zwar die harte Schrotflintenbraut raushängen, aber ich spürte, dass sie ähnlich verloren wie ich durch die Gegend zog. Wir waren uns also einig und so machten wir uns unter unseren Decken bequem. Genuine schlief dabei mit ihre Schrotflinte in der Hand. Mir reichte die Gegenwart von Stella, die sich zu einer unfehlbaren Wächterin meiner Träume entwickelt hatte. Sie hatte sich dicht neben meinem Kopf zusammengerollt. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, mich mit ihrer feuchten Nase im Gesicht anzustupsen, wenn sie nachts unklare Geräusche wahrnahm oder Gefahr in ihre Witterung bekam.

Am nächsten Morgen ließ ich mir noch eine Weile die wärmende Sonne auf den Körper scheinen, bis ich mich entschloss das Feuer anzufachen. Genuine hielt es ähnlich, mit dem Unterschied, dass sie einfach liegenblieb. Also bereitete ich eine Kanne Kaffee und drehte mir eine Zigarette. Stella war auch liegenblieben, schaute mir beim Kaffeekochen zu und genoss die wärmenden Strahlen der Sonne. Als der Kaffee fertig gekocht war, trollte sich auch Genuine aus ihrer Decken. „Na Cowboy, wo soll’s hingehen?“ „Tja, ich denke wir sollten einfach Zickzackkurs durch die Berge reiten und schauen, wo wir das nächste ruhige Plätzchen finden können. Ich habe jedenfalls kein bestimmtes Ziel.“ „Zickzackkurs hört sich gut an“, sagte sie und drehte sich ein Zigarette. Nachdem wir aufgeraucht hatten, machten wir unsere Reitpferde sowie zwei Packtiere startklar und ritten los. Munition und Verpflegung hatten wir jetzt reichlich. Die ersten Meilen ritten wir schweigend nebeneinander her. Dann führte ich meinen Rappen an ihre Seite und fragte: „Na denn, Genuine, wie lautet ihre Geschichte?“ „Ich kam mit Siedlern ins Land. Unser Treck wurde von Indianern überfallen. Da war ich fünfzehn. Die Indianer töteten bis auf mich und ein paar Kinder alle Siedler und nahmen uns mit in ihr Camp. Dort lebten wir ungefähr fünf Jahre. Dann kam die Armee, tötete wiederum alle Indianer, befreite uns und übergab uns an Missionare. Diese versuchten uns zu Affen zu dressieren und so flüchtete ich nach knapp einem Jahr. Ein paar Wochen zog ich allein durch die Wildnis, bis ich in einer kleinen Stadt Unterschlupf in einem Bordell fand. Weil ich Klavierspielen kann, übernahm ich in diesem Etablissement die Musik. Das reicht der Besitzerin allerdings nicht. Sie wollte, dass ich mit den Cowboys und den anderen Typen rummachte. Darauf hatte ich jedoch überhaupt keine Lust und zog weiter. Naja, und dann kam eine Zeit, die ich besser für mich behalte. Schließlich vertraten sie in der Vergangenheit das Gesetz…“ Mit diesen Worten endete sie. „Und sie glauben, dass ich herausfinden könnte, dass sie ein paar krumme Dinger gedreht haben und ein Steckbrief existieren könnte. Stimmt’s?“ Sie schwieg. „Keine Panik Genuine. Ihr Steckbrief interessiert mich nicht“, sagte ich, in der Überzeugung, dass es wirklich so war.  Genuine sagte jetzt nichts mehr. Sie gab ihrem Pferd den Befehl anzureiten und zwang mich, auch meinem Pferd eine schnellere Gangart abzuverlangen.

Um die Mittagszeit entschieden wir an einer schattigen Stelle eine kurze Rast einzulegen. Der nächste Ärger war nicht weit. Aus entgegensetzter Richtung kamen uns ein paar Reiter entgegen. Und Reiter bedeuteten in dieser Gegend nichts Gutes. Ich war jedoch entschlossen, Genuine den Vortritt zu lassen, sollte uns von ihnen Verdruss drohen. Die Reiter waren nun in Rufnähe. Sie stoppten ihre Gäule und einer von ihnen rief mit rauer Stimme zu unser herüber: „Ho, ho, stopp! Wer seid ihr?“ Wir hielten ebenfalls an. Ich rief aufreizend lässig zurück: „Wir sind die, die euch die ewige Ruhe verschaffen, wenn ihr uns nicht in Ruhe lasst.“ Genuine sah mich erstaunt an und ergänzte meine Worte: „Wenn ihr Schmalzlocken nicht gleich weiterzieht, dann ziehen wir euch das Fell über die Ohren.“ Daraufhin saßen die vier Reiter ab, scheuchten ihre Pferde beiseite und machten sich offensichtlich bereit zum Kampf. Nun stiegen auch wir von unsere Pferden. Genuine brachte sogleich ihre Schrotflinte in Stellung. „Hey, Jungs, seht euch die Braut an. Die will uns Ärger machen. Ey, Misses. Wenn sie Genuine Brooks sind, dann legen sie ihre Infanterie beiseite und nehmen die Flossen hoch.“ „Was wollen die von ihnen“, fragte ich Genuine. „Das sind Kopfgeldjäger, Mister Pflaumenaugust. Die wollen mich.“ „Ha, ein Steckbrief. Siehste, wusste ich doch. Und jetzt?“ „Jetzt werde ich die vier Penner umlegen müssen.“ „Na dann, viel Erfolg“, wünschte ich. „Und du, geh‘ beiseite, wenn du keinen Ärger willst“, mahnte einer der vier Kopfgeldjäger, der unsere Worte anscheinend nicht gehört hatte. Ich ging daraufhin ein paar Schritt zur Seite. „Und du leg jetzt die Infanterie weg. Du bist doch Genuine Brooks? Wir haben einen Steckbrief und werden uns jetzt die Prämie verdienen.“ „Na dann los Jungs“, sagte Genuine rau zu den vier Killern, „labert nicht so lange rum. Ich habe meine Zeit nicht gestohlen.“

Die Kopfgeldjäger ließen sich nicht lange bitten und griffen zu ihren Revolvern. Sie dachten wohl, dass Genuine nur zwei Schuss hatte. Hatte sie auch, aber sie benutzte nicht die Schrotflinte. Diese hatte ihr nur für einen Bluff gedient. Es ging jetzt alles ganz schnell. Genuine ließ nämlich die Schrotflinte fallen, schnappte sich ihren Colt und bevor die Schrotflinte zu Boden gefallen war, krümmten sich die vier Helden, die jeder ein neues Loch in ihren Körper erhalten haten, vor uns auf dem Boden. Ich war beeindruckt. Bis dahin hatte ich keine Frau gesehen, die auch nur annähernd so gut mit dem Revolver umgehen konnte, wie Genuine. Selbst die meisten Revolverhelden, denen ich neue Löcher verpasst hatte, würden in ihrem Schatten geblieben sein.

Von den vier Gestalten waren zwei noch am Leben. Allerdings sah es so aus, dass sie es nicht mehr lange machten. Genuine trat zu den Typen und sagte: „Na, ihr Stinktiere, alles klar?“ „Oh du verfluchte Ratte, wir hätten dich von hinten abknallen sollen.“ „Tja, das hättet ihr vermutlich versuchen sollen. Aber es freut mich, dass ihr diesen Weg gewählt habt. Und auch vielen Dank für eure Dollar, den Proviant und die Waffen. Das kann ich alles mehr als gut gebrauchen.“ Bei diesen Worten grinste sie den Sterbenden ins Gesicht. Gleich darauf hauchten die beiden Überlebenden ihren letzten Atem aus, ohne dass sie noch ein Wort über ihre Lippen bringen konnten.

Die Erschossenen hatten reichlich Dollars bei sich, was besonders Genuine freute. Der Proviant würde uns erlauben, lange Zeit der Zivilisation zu entsagen. Die Pferde befreiten wir von den Sätteln und dem Zaumzeug und überließen sie sich selbst.

Mit unseren Packpferden kamen wir nur sehr langsam voran, was mir recht war. Wir waren kaum zwei Stunden geritten, wie ich in einem kleinen, bewaldeten Tal vor uns Rauch aufsteigen sah. Das musste das Rattennest der Banditen sein, die in der Gegend ihr Unwesen trieben. Ich zügelte mein Pferd und wendete mich an Genuine: „Da unten ist vermutlich ein Rattennest. Irgendsoein Penner hat mir davon berichtet.“ Ich sah sie fragend an. „Dann lass uns die Brüder ausräuchern“, sagte Genuine, ohne den Blick von dem aufsteigenden Rauch vor uns abzuwenden. „Wie wollen wir es machen?“, fragte ich. „Ganz einfach. Wir verstecken unsere Pferde, schleichen uns an. Einer nimmt mit dem Gewehr die Tür ins Visier und der andere steigt aufs Dach und wirft brennende Büsche in den Kamin.“ Ihre Worte klangen einleuchtend. „Und wer klettert auf das Dach?“, fragte ich. „Du willst mir ja die Drecksarbeit überlassen, also kletterst Du“.

Also versteckten wir unsere Pferde, suchten in der Nähe der Hütte loses Brennzeug, woraufhin sich Genuine in den nahen Büschen des Eingangs versteckte, um von hier aus die Ganoven abzuknallen. Die Sache verlief reibungslos. Die Typen in der Hütte merkten wohl, dass etwas auf ihrem Dach herumkroch. Noch bevor ich den ersten brennenden Haufen in den Schornstein geworfen hatte, kam jemand aus der Hütte und schaute nach, was auf dem Dach los war.

Er hatte mich noch nicht entdeckt, da rief in Genuine aus ihrem Versteck an: „Hey! Amigo! Was geht ab?“ Der Bandit drehte sich blitzartig auf dem Absatz, zog seinen Revolver und schoss in Richtung, aus der er angerufen worden war. Er traf nicht, hatte aber nach dem zweiten Schuss zwei Kugeln im Leib. Stöhnend versuchte er in das Haus zurück zu kriechen. Bevor er die Tür erreicht hatte, stürmten weitere Banditen heraus, die Genuine sogleich mit einem Kugelhagel in Empfang nahm. Ihr Umgang mit der Winchester war vorzüglich. Die Herausgestürmten waren auf der Stelle tot.

Nun begann ich den Jungs von oben einzuheizen. Schon nach kurzer Zeit hörte ich sie husten und keuchen. Sie schossen durch die Fenster, in der Hoffnung, Genuine zu treffen. Aber diese hatte längst ihre Stellung gewechselt und schoss ihrerseits in die Fensterhöhllen. Ich hörte, dass mindestens einer der Schützen in der Hütte getroffen war. Irgendwann hielten sie es dann nicht mehr aus und versuchten einen Ausfall, der jedoch von Genuines Gewehrkugeln vereitelt wurde.

Ich war mir sicher, dass wir alle Banditen erledigt hatten, warf aber dennoch weiterhin Grasbüscheln und Holz in den Kamin. In der Koppel hatten fünf Pferde gestanden und Genuine hatte fünf Mal getötet. Als ich mir sicher war, dass wirklich niemand mehr in der Hütte am Leben war, sprang ich vom Dach und schaute vorsichtig von unten durch die Türöffnung in das Innere der Hütte. Ich konnte einen Körper entdecken, der offensichtlich nicht mehr lebte. Sein Körper war ganz verdreht und in seinem Gesicht klaffte ein großes Schussloch.

Gleich darauf kam Genuine aus ihrem Versteck. „Gute Arbeit, Misses“, sagte ich, was sie aber nur kurz mit dem Kopf nicken  ließ. Die Leichen waren schnell durchsucht. Sie hatten eine Menge Dollar in ihren Geldgürteln, wovon wir uns mehr als eine Ranch hätten zulegen können. „Verbrechen lohnt sich“, sagte Genuine und betrachtete die Scheine in ihren Händen. „Bis zu einem gewissen Grad sicherlich“, sagte ich, den Blick auf die Leichen gerichtet.

Nachdem wir die Leichen in die Hütte geschleppt hatte, zündeten wir diese an, gingen zu unseren Pferden und ritten weiter unseren Weg. Wir verloren kein Wort darüber, wohin wir reiten wollten. Genuine ritt einfach voran und ich folgte ihr. Nach weiteren zwei Stunden hatten wir das Tal verlassen. Der Rauch der brennenden Hütte war noch eine Weile am Horizont zu erkennen.

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