John Smith Teil 5 – Genuine

Die Landschaft wurde zunehmend hügeliger. Ein indischer Sommer machte das Leben unter freiem Himmel sehr angenehm für mich und meine Hündin. Ich hatte ihr den Namen Stella gegeben. Es war der Name einer Bordellbesitzerin, die mir in der Not einmal sehr geholfen hatte. Stella, meine treuer Rappe und ich waren ein gutes Team. Wenn wir tagsüber unterwegs waren, bewegten wir uns langsam und vorsichtig. Jede Senke nutzten wir aus, alles, was uns Deckung gab und vor fremden Augen verborgen hielt. Wir hatten Zeit. Ich wusste, dass der nächste Ärger mit Sicherheit kommen würde, wollte ihn jedoch so lange wie möglich von uns fern halten. Nach ein paar Tagen befanden wir uns mitten in der Gebirgslandschaft Colorados. Wir folgten ausgestorbenen Trails, die teilweise durch dichte Wälder führten, an Felsen und Schluchten vorbei. Die Gegend war ideal für Räuberbanden, die sich hier vor dem Gesetz verstecken wollten oder nach einem gelungenen Coup untertauchen. Ich war froh, dass ich auch nach einer Woche noch keinen Ratten begegnet war. Außer ein paar Fallenstellern, kleinen Indianergruppen und Militärtrupps begegnete ich niemandem. Ich genoss es, abends das frisch erlegte Wild über dem Feuer zu braten, das Pferd grasen zu lassen und Stella mit ein paar Leckereien zu verwöhnen. Warum konnten die Menschen nicht alle so friedlich und zufrieden mit sich und ihrer Umwelt umgehen, fragte ich mich, mal wieder auf dem Rücken liegend, mit Zigarette in der Hand den Sternenhimmel betrachtend. Überall und dauernd handelten die Menschen missgünstig, zerstörererisch, ohne jeden Verstand, dachte ich weiter.

So weit weg von ihnen zu sein, machte mir ein gutes Gefühl. Dass dieses Glück nicht ewig andauern würde, war mir klar. Und so kam es, dass ich nach ungefähr einer Woche, in der Ferne ein Feuerauge sah. Ich hatte gerade intensiv ein Nachtlager gesucht, da die Sonne schon sehr tief am Horizont stand. Ich wusste gern, wer in meiner Nachbarschaft campierte, also machte ich mich auf den Weg zum Camp. Als ich dem Feuer schon sehr nahe war, rief ich es an: „Hoi, Hoi, Feuer! Darf ich näher kommen?“ „Bleib wo du bist Fremder oder ich blas dir das Licht aus“, hörte ich eine dunkle Frauenstimme antworten. Ich musste schmunzeln, blieb aber, wo ich war. „Mutige Frau! Mein Name ist John Smith und komme in guten Absichten“, ergänzte ich meine Bitte. „Wenn du nicht mit Blei vollgepumpt werden willst, dann zieh‘ Leine, John Smith. Ich habe weder Zeit noch Lust noch sonstwas, um irgendeinen Zeckenpelz an meinem Feuer zu dulden.“ „Sie scheinen mutig aber lebensmüde zu sein, gute Frau. Was hindert mich daran, ihnen irgendwo aufzulauern und von hinten in den Rücken zu schießen?“ „Hau ab du Penner“, rief sie zu mir herüber, „du wärst nicht der erste Satteltramp, dem ich das Fell über die Ohren ziehe.“ Das waren kecke Worte, die meine Neugierde allerdings nur anheizten. Also fuhr ich fort: „Gute Frau! Was muss ich tun, dass sie mich an ihr Feuer lassen?“ Stella hatte die ganze Zeit neben mir und meinem Rappen gestanden und mich immer wieder fragend angeschaut. Die Frau schien zu überlegen. Ich wagte es nicht, näher heranzureiten. „Also gut, dann komm mit erhobenen Händen ran hier und schmeiß deinen Revolvergürtel weg, wenn ich es sehen kann. Und mach‘ alles langsam, sonst wird’s bitter.“ Sie klang überzeugend.

Ich tat wie sie befohlen hatte, gab meinem Pferd einen kleinen Kick, hob die Hände und ritt vorsichtig in den Lichtkegel des Lagerfeuers. Dort saß eine mittelalte Frau in Männerkleidung und einem alten Cowboyhut auf dem Kopf. Sie trug einen Revolvergurt und richtete eine doppelläufige Schrotflinte auf mich. „Und der Köter da? Macht der keine Spielchen?“ „Nein“, antwortete ich, „keine Angst. Der Köter heißt Stella und hat nichts Böses im Sinn.“ „Na gut, John Smith, dann lass‘ mal den Gurt fallen und steig ab. Aber keine schnellen Bewegungen! Verstanden?“ Ich löste meinen Revolvergurt, ließ ihn sachte auf den Boden fallen und stieg so vom Pferd, dass sich mich sehen konnte. Als ich abgesessen war, zeigte sie mit ihrer Flinte auf einen Platz am Feuer, an dem ich mich niederlassen sollte. Ich hockte mich hin und besah mir die Frau genauer. Sie war weder hübsch noch hässlich. Ihr Gesicht hatte eine mittelgroße, spitz zulaufende Nase und war voll Sommersprossen. Ich schätzte sich Mitte dreißig. Ihre Klamotten waren benutzt und etwas verschliessen, aber von guter Qualität. Ihre hellen Augen schienen mich zu durchdringen. „Hier gibt es nichts abzugreifen, John Smith. Mein Proviant ist knapp und zu rauchen habe ich auch nichts mehr. Du kannst dir einen Kaffee nehmen, mir kurz deine Geschichte erzählen und dann weiterreiten. Also, was is?“ „Wir können einen Tausch machen“, schlug ich vor. „Ich gebe ihnen etwas von meinem Tabak und darf am Feuer übernachten.“ Sie überlegte. Dann sagte sie: „Mmh, du kommst hier angeritten, tust so, als könntest du kein Wässerchen trüben, dschingelst da mit deinem Tabak rum und willst an meinem Feuer pennen. Ich glaube, du bist ’ne alte Filzlaus.“

Die Schrotflinte war nach wie vor auf mich gerichtet. Mein Auftritt war zwar deutlich weniger der einer Filzlaus als ihrer, aber ich wollte keinen Streit sondern gemütlich am Feuer rumsitzen und ein bisschen rumlabern. Also schwieg ich und starrte ins Feuer. Stella zeigte mir, dass die Frau am Feuer nicht wirklich böse war, denn sie hatte sich friedlich neben mir zusammengerollt. Die Frau schien das bemerkt zu haben und sagte: „Na gut. dann lass mal deinen Tabak rüberwachsen. Deinen Colt lässt du erstmal dort liegen.“ Ich ging also mit langsamen Schritten zu meinem Packpferd, holte den feinen Virginatabak und warf ihn zu ihr hinüber.  Sie fing ihn sicher mit der einen Hand, hielt aber mit der anderen weiterhin das Gewehr auf mich gerichtet. „Haben sie einen Namen“, fragte ich und sah ihr dabei ins Gesicht. „Ich heiße Gen“, kam es aus ihrem Mund, während sie den Tabak prüfte. „Gen? Ein seltsamer Name“, sagte ich. „Kommt von Genuine, Mister. Und wenn sie jetzt einen Witz reißen wollen, dann lassen sie’s besser.“ Ich zweifelte nicht daran, dass sie von ihrer Schrotflinte Gebrauch machen würde, gäbe ich ihr dafür einen Anlass.

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