John Smith Teil 4 – Trapper Jeff Jones

Am nächsten morgen lag der Hund noch zusammengerollt auf der gegenüberliegenden Seite des Feuers. Er starrte mich an, verfolgte jede meiner Bewegungen. Es war ein Weibchen. Ich war ganz froh, dass ich eine neue Begleiterin zu haben schien. Als ich mein Zeug verstaut hatte und mich zum Weiterreiten bereit machte, stand sie auf, sah mich an und folgte in einiger Entfernung meiner Färte. Es war dringend notwendig, meine Ausrüstung zu vervollständigen. Zwei Tagesritte entfernt gab es eine kleine Handelsstation. Zu dieser wollte ich reiten. Der Hund folgte mir mit ein paar Schritten Abstand und ließ sich am Abend auch wieder an meinem Feuer nieder. Ich warf ihm ein paar Brocken meines Proviantes zu, die er sogleich gierig verschlang. In dieser Nacht musste ich an Jeff Jones denken. Wir waren uns vor wenigen Jahren irgendwo in der Wildnis begegnet. Hinter mir hatte gerade einer dieser Deputyjobs gelegen, während dessen ich eine Menge Toter hergestellt hatte. So wie mir zu diesem Zeitpunkt das Töten zum Halse heraushing, so hatten Trapper Jeff Jones die Akademien des Osten zum Halse rausgehangen. Er war dort an sämtlichen Instituten der Bildung beschäftigt gewesen. Irgendwann hatte er das Gerede nicht mehr ausgehalten und sich aufgemacht, im Westen das Leben eines Trappers zu führen.

Während unserer gemeinsamen Zeit lebten wir in einer einfachen Hütte. Ich ritt damals viel umher, Jeff Jones besorgte seine Fallen und wenn wir abends wieder zusammenkamen, ließ er mich an den wesentlichen Elementen seiner Erkenntnisse teilhaben. Es stellte sich heraus, dass er nicht nur hochgebildet war, sondern auch ziemlich klug. War mein Weltbild bis dahin eher das eines Insekts, erweiterte Jeff Jones meinen Horizont um die Wissensbestände der alten Welt Europas. Vieles hatte ich nicht verstanden. Einiges war jedoch in meiner Erinnerung haften geblieben. Vielleicht war es seinem Einfluss geschuldet, der mich nach wie vor wie ein Satteltramp durch das Land reiten ließ, hier und da einen Job annehmend, nirgendwo länger verweilend. Ich war zwar ein massenhafter Mörder geworden, aber ich war auch ein kluger Mörder, der seinen Job in einer Welt voller boshafter Narren erledigte. Die Toten lagen mir nicht auf der Seele. Geld bedeutete die Möglichkeit, so zu leben, wie ich lebte.

Am nächsten Tag erreichte ich die Handelsstation. Der Ort war wie ausgestorben. Murphy, der Betreiber der Station, hing schläfrig vor seinem Store und begrüßte mich mit einer auf mich gerichteten Schrotflinte. Ich kannte Murphy von ein paar Begegnungen während meiner Verbrecherjagden. „Hey Murph, ich bin’s, John Smith! Leg die Knarre weg, ich brauche Ware“, begrüßte ich ihn. Als er mich näher in Augenschein genommen hatte, erhob er sich von seinem Stuhl. „High Jones, alter Knabe. Dann komm mal rein. Ich habe sicher alles, was du brauchst.“ Nach diesen Worten drehte er mir den Rücken zu und betrat seinen Laden. Als ich den Laden betrat, fragte er mich: „Na? Wieder auf Verbrecherjagd?“ „Nein, diesmal nicht. Ich reite Zickzackkurs. Mal schauen, wo mich das Schicksal hintreibt.“ „Na? Nicht einen lumpigen Gangster im Visier?“ „Nicht einen.“ „Also dann, was kann ich für dich tun?“ „Ich brauche ein Packpferd, reichlich Munition für mein Gewehr und meine Revolver, Proviant für ein paar Wochen und vor allem viel Tabak und Zigarettenpapier.“ „Sollst Du haben. Tabak habe ich eine ganz feine Sorte, frisch aus Virgina und Papier vom Feinsten.“ „Gut, Murph, stell mir den Krempel einfach zusammen. Ich werde derweilen mein Pferd versorgen.“

Nach einer Stunde war alles erledigt. „Wenn Du nach Westen reitest, dann sein vorsichtig“, warnte er mich. „Da haben sich ein paar schräge Vögel ein Nest gebaut, von dem aus sie immer wieder umherziehende Tramps und Landsuchende überfallen. Sie sind von der üblen Sorte“, ergänzte er. „Mach dir keine Sorgen Murph. Aber trotzdem danke für die Warnung.“ Es dauerte nicht lange und die Station verlor sich aus meinen Augen. Ich war wieder allein mit mir, den Pferden und meiner neuen Begleiterin. Meine Situation war jetzt wieder so, wie ich sie liebte. Trotz der umherstreunenden Banditen fühlte ich mich sicher. Diese waren, entgegen der kursierenden Geschichten, meistens strohdumm oder sehr ängstlich oder beides. Sie fühlten sie stark in der Gruppe. Sprach man jedoch den Anführer an und machte ihm klar, dass er der erste sei, den es erwischen würde, dann dachten sie in der Regel neu über die Situation nach. Die Toten der letzten Tage hatten zur dummen Sorte gehörte. Wären sie auch ängstlich gewesen, hätten sie die Situation besser abgecheckt. So waren sie Leidtragende ihrer Einfalt geworden.

Meine neue Begleiterin gefiel mir. Der Abstand, in welchem sie mir folgte, hatte sich verringert. Wenn ich Beute schoss, bekam sie stets ihren Anteil. In den Nächten hatte ich in ihr einen wachsamen Aufpasser. An Hunden mochte ich vor allem ihr freundliches Wesen. Die Hunde, die ich kennengelernt hatte, waren zu mir nach einiger Zeit immer wohlwollend. Sie hatten nichts Hinterlistiges. Sie waren nicht boshaft oder neidisch. Sie redeten nicht dumm rum und waren stets im Hier und Jetzt unterwegs. Die Vergangenheit belastete sie ebensowenig wie die Zukunft.

Sie waren im Grunde auf dem Level von Trapper Jeff Jones. Auch er hatte mich immer, wenn auch mit Worten, darauf hingewiesen, dass das Einzige, was wir hätten, das Hier und Jetzt sei. Alles Andere war nur Vorstellung. Ein berühmter Denker aus Deutschland, ich glaube er hieß Schopenhauer, hatte sogar zwei dicke Bücher mit diesen Gedanken betitelt: Die Welt als Wille und Vorstellung. Das Sein im Hier und Jetzt, das Tun, aus welcher Anstriebskraft auch immer befeuert, auf der einen Seite, die Vorstellung von dem, was war und sein könnte, auf der anderen. Mein neuer Begleiter hatte mir da einiges voraus. Er war der reine Wille, während ich mich oft in meinen Vorstellungen verlor und alles um mich herum kaum noch wahrnahm. Mein Hund war schlau. Sein Instinkt sagte ihm, dass er es sicher bei mir haben würde. Er spürte, dass ich alles aus dem Weg räumen würde, was sich ihm und mir in den Weg stellte. Bei mir gab es für ihn zudem etwas zu Fressen, ohne dass er sein Leben aufs Spiel setzen musste. Also, was wollte er mehr?

Trapper Jeff Jones hatte mir auch deutlich gemacht, dass all die Dinge, für welche die Menschen alle möglichen Verderbtheiten zu tun bereit waren, nichts zählten. „Junge, du brauchst es warm, du brauchst Schutz vor Regen und genügend Nahrung. Alles andere ist Ballast.“ Damit hatte er mir mindestens einmal am Tag in den Ohren gelegen und Recht damit gehabt. Sicher, ich brauchte auch noch einen Colt und paar andere Dinge, die mein Leben in der Wildnis möglich machten, aber brauchte ich eine Ranch? Brauchte ich ausgewählte Kleidung, eine goldene Uhr, Gemälde an irgendwelchen Wänden? Brauchte ich Reichtümer?  Natürlich brauchte ich das nicht. Ich war reich genug, um mich an irgendeinem gemütlichen Ort für immer zur Ruhe zu setzen, für mich kochen zu lassen und mich um nichts kümmern zu müssen. Aber mir fiel nicht ein, was ich dann mit meiner Zeit hätte anfangen sollen. Ich hatte keine tollen Ideen. Das Einzige, was mir einfiel, war umher zu reiten und zu schauen, wohin mich der Wind wehen würde.

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