John Smith Teil 1 – Neulich am Lagerfeuer

Seit Tagen ritt ich im Zickzackkurs durch die Weiten Colorados. Ich kam aus dem Süden und hatte kein bestimmtes Ziel. Irgendetwas zog mich in Richtung Norden, ohne angeben zu können, was es war. Die Sonne würde bald untergehen und ich hielt Ausschau nach einem geeigneten Platz zum Übernachten. Endlich fand ich eine geschützte Stelle, an der ich mich niederlassen konnte. Nachdem ich mein Pferd versorgt hatte, entfachte ich ein kleines Feuer. Ich war hungrig und hatte große Lust auf einen Becher Kaffee. Als Proviant hatte ich noch Bohnen und Reste von Trockenfleisch.

Nach dem Essen drehte ich mir eine Zigarette und genoss den frisch gekochten Kaffee dazu. Der Himmel war sternenklar. Zum Glück war es trotz des nahenden Herbstes noch angenehm warm. In meiner Tasche befanden sich nur noch wenige Dollars. Bald musste ich wieder einen Job annehmen. Meine letzten Stationen waren rauhe Rinderstädte gewesen. Dort hatte ich mich meist als Deputy des jeweiligen Sheriffs anheuern lassen. Mein Job war die Bändigung der wilden Cowboys und der sich im Ort herumtreibenden Banditen. Nicht selten endeten die Klarstellungen mit dem Tod eines oder mehrerer Unbelehrbarer.

Bevor ich einen Job als Deputy annahm, machte ich dem Sheriff vorher stets klar, dass ich nicht gewillt war, lange mit dem Abschaum zu diskutieren. Entweder beugten sie sich unseren Ansagen oder sie schluckten Blei. Die meisten Sheriffs ließen sich darauf ein, nicht zuletzt deswegen, weil sich im Land herumgesprochen hatte, dass ich ein treuer Gesetzesmann war. Hinzu kam, dass ich im Revolverduell leicht drei oder mehr Gegner besiegen konnte, egal zu welcher Klasse Revolverschwinger sie gehörten.

Während meines letzten Jobs in Devil-City stand ich im Saloon sechs raubeinigen Präriewölfen gegenüber. Sie waren siegesgewiss und feierten innerlich schon ihren Triumph. Ihrer Meinung nach konnte nur ein Narr gegen sie antreten. Aber sie waren bereits tot, noch bevor der Sheriff an meiner Seite den Colt aus dem Holster gezogen hatte.

Ich war nicht besonders stolz auf mein Talent. Mit meinen dreißig Jahren hatte ich bereits aufgehört, die von mir Erschossenen zu zählen. Ich war abgestumpft. Menschen ödeten mich in der Regel vollständig an. Von ein paar Ausnahmen abgesehen, waren sie nicht die Luft wert, die sie atmeten. Nach einer tödlichen Auseinandersetzung konnte ich ruhig schlafen. Die Toten nahmen mir nichts, sagten mir nichts, bedeuteten lediglich ein sicheres Einkommen. Zwischen meinen Jobs als Deputy ritt ich oft ziellos durch die Gegend, tagelang, wochenlang, monatelang. Während dieser Zeit stieß ich natürlich immer wieder auf rauhe Burschen, auf deren Kopf eine Prämie ausgesetzt worden war. Diese reizte mich, denn sie waren ein gutes Zubrot zu meinem sonst recht klärglichen Einkommen als Deputy.

Zwar besaß mittlerweile ein beachtliches Guthaben, aber dieses hatte ich bei einer Bank in Denver deponiert. Meine Dollar, die ich bei mir trug, würden aber noch eine Zeit lang reichen und so rollte ich mich gemütlich neben das Lagerfeuer und hing meinen Gedanken nach. Ich war ein einsamer Mensch geworden. Meine Eltern waren früh gestorben und so war ich von Jugend an auf mich allein gestellt. Da mir Farmjobs nicht gefielen, schloss ich mich mit Anfang zwanzig einem herumziehenden Pokerspieler an, dem ich während des Spiels den Rücken freizuhalten hatte. Er weihte mich hingegen in die Kunst des Revolverziehens ein. Wenn er ein kaum zu besiegender Pokerspieler war, dann überragten seine Fähigkeiten, den Colt blitzschnell aus dem Holster zu ziehen, seine Fähigkeiten im Poker um Längen.

Doch so schnell er auch mit dem Revolver war, es dauert nicht lange und ich übertraf seine Fähigkeiten. Unsere Wege trennten sich, als er sich auf einem der Vergnügungsdampfer des großen Flusses verliebte. Von da an zog ich allein durch die Gegend.

Wie ich so über meinen bisherigen Werdegang nachdachte, spürte ich, wie sich meinem Lager einige Pferde näherten. Sie gingen im Schritt und ich wartete darauf, dass die Näherkommenden das Feuer anriefen. „Hoi, hoi“, hörte ich eine rauhe Stimme aus der Dunkelheit rufen. „Kommt heran“, erwiderte ich und legte meinen Colt griffbereit in meine Nähe. Als sich die Reiter dem Feuer bis auf kurze Distanz genähert hatten, hielten sie an. Es waren drei abgerissene Satteltramps, die aussahen, als hätten sie nichts zu verlieren. „Hallo Mister“, sagte einer von ihnen, „haben sie vielleicht einen kleinen Happen und einen Kaffee für drei hungrige Mäuler?“ „Kaffee kann ich euch anbieten, an Proviant bin ich allerdings selber knapp“, sagte ich und mir war klar, dass es Ärger geben würden. Wie die drei auf ihren Pferden saßen und wie sie sich anblickten ließ nichts Gutes erwarten.

„Eigentlich war das weniger eine Bitte, Mister. Wir sind hungrig und brauchen etwas in den Magen“, sagte der Sprecher der drei Galgenvögel nun drohend und wollte absteigen. „Wenn sie ihren Fuß auf den Boden setzen“, sagte ich, „sind sie tot.“ Meine Worte erregten jedoch nur Gelächter und der Typ, der den Anführer der Gruppe gab, schwang sein Bein über den Sattel. Bevor er seinen Fuß auf den Boden bekam, war er tot. Die Pferde der beiden anderen Ganoven scheuten bei dem Schuss, den ich abgefeuert hatte und sie griffen zu ihren Colts. Ich drückte zwei Mal ab und sie fielen tot von ihren Gäulen. Was für Schwachköpfe, musste ich denken. Reiten herum, reden dummes Zeug und beißen ins Gras, ich war mal wieder bedient. Ich lud meinen Colt nach und drehte den Toten die Taschen um. 

Erwartungsgemäß gab es bei ihnen nur ein paar Dollar zu holen. Freundlicherweise hatten sie ihr Steckbriefe bei sich. In manchen Horden galten diese als Eintrittskarte. Für mich bedeuteten sie satten Lohn. 

Am nächsten Morgen legte ich die drei Toten über ihre Pferde und überlegte, in welche Richtung ich reiten wollte. Ich entschied mich für Duran Gulch. Ich wusste, dass dort ein Sheriff und eine Bank war. Das sicherte mir die Auszahlung meiner Prämie. Bis Duran Gulch waren es noch dreißig Meilen und ich würde mich beeilen müssen, wollte ich noch vor dem Sonnenuntergang dort ankommen. 

Es war gegen Mittag, als ich an einer Wasserstelle eine kurze Rast einlegte. Ich hatte schon vorher eine Staubfahne hinter mir erkennen können. Wie ich mich zum Weiterreiten bereit machte, hatten mich die Reiter eingeholt. Da ich keine Lust auf Verdruss hatte, saß ich auf und trabte im Schritt in Richtung meines Ziels.

Ich hörte nun, wie die Männer ihre Pferde antrieben. In diesem Moment wusste ich, dass ich mich zum Kampf bereit machen machen musste. Also wendete ich mein Pferd und sah dem mir entgegenreitenden Trupp entgegen. Es waren sechs üble Burschen. Allerdings waren sie nicht so abgerissen wie meine Besucher der vergangenen Nacht. Sie trugen noble aber staubige Anzüge und sahen aus wie Spieler und erbarmungslose Revolvermänner. Ihre Colts hingen tief. „Hey Mann“, rief einer der Vögel, „was haben sie denn da für Beute?“ Sie hatten angehalten und lauerten. „Das sind drei Pechvögel, die mir in Duran City ein hübsches Sümmchen einbringen werden“, antwortete ich. „Oha, oha, wenn das die Miller Brüder sind, dann gehören sie uns. Wie sind schon ein paar Wochen hinter ihnen her“, sagte einer aus der hinteren Reihe, „und es gefällt uns nicht, wenn man uns um den verdienten Lohn unserer Arbeit bringt.“ Da ich keine Lust auf Sprüche hatte und weiterreiten wollte, sagte ich: „Es ist mir total egal, was ihr verdienen wollt und ob ihr euch betrogen fühlt oder nicht. Ich will jetzt weiter und am besten ist es, ihr geht mir nicht auf die Nerven.“ Ich hatte meine Worte und meinen Tonfall bewusst so gewählt, dass sie sich provoziert fühlen mussten. Mir war einfach nicht nach sinnlosen Wortgeplänkeln zu Mute. Ich wusste, sie würden mich töten wollen, aber dann sollten sie sich beeilen, deshalb ergänzte ich: „Und wenn ihr Pussys was anfangen, wollt, dann tut es jetzt oder schleicht euch!“ Das Wort „jetzt“ hatte ich besonders betont, damit die Sache endlich beschleunigt wurde. „Hey, hey, habt ihr gehört? Der Typ ist lebensmüde. Ich denke wir sollten ihm mal das Maul stopfen.“ Dann zog er seinen Colt. Aber ich war bereit. Die üblen Burschen bekamen zwar ihre Finger an die Kolben, aber dann war es um sie auch schon geschehen. Ich konnte mir ein gewisses Lächeln nicht verkneifen, denn nachdem ich meinen Colt leergeschossen hatten, saßen drei von ihnen einen kurzen Augenblick noch immer auf ihren Pferden, mit dem Blick des Todes im Gesicht. Dann fielen auch sie in den Staub.

Wie immer nach einem Gefecht, lud ich zuerst meine Waffe neu und schaute dann nach, ob meine Kontrahenten auch wirklich tot waren. Sie waren es. Und die Ausbeute an Dollars war diesmal etwas stattlicher. Ich vermutete, dass auch diese Burschen steckbrieflich gesucht wurden. Also machte ich mich an die Arbeit. Ich sammelte ihre Waffen ein, schnallte die Toten auf ihre Pferde und ritt an. Mit den Waffen, Pferden und Sätteln der Erschossenen würde ich einen guten Umsatz machen. Dazu kamen ihre Dollars, die vermuteten Prämien, was den Wunsch in mir aufsteigen ließ, es mir in Duran City eine Weile gemütlich zu machen.

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