Eine seltsame Geschichte – Drittes Kapitel

Auf dem Weg nachhause war ich verwirrt. Mir kam alles unwirklich vor. Meine beiden Hunde versicherten mich zwar der Gegenwart, aber irgendwie fühlte ich von allem isoliert. Der Fremde war tatsächlich wie vom Erboden verschluckt gewesen. Wenn ich ehrlich bin, war mir das Ganze unheimlich. Mit diesen Gedanken kramte ich meine Sachen zusammen, nahme meine Sig Sauer P226 aus dem Waffenschrank, lud die Hunde ins Auto und fuhr zu der Villa meines Auftraggebers.

Meine Unterkunft war ein Häuschen, das ein wenig abseits der Villa lag. Es war schlicht eingerichtet, jedoch mit eigener Küche und Badezimmer, also recht komfortabel. Warm hatte ich es natürlich auch und der Kühlschrank war gut gefüllt. Mir stand sogar ein kleiner Raucherraum zur Verfügung, ausgestattet wie eine Lounge für Zigarrenraucher. Zu meinem Ritual nach dem Ankommen gehörte es, mir eine kleine Zigarre der Marke Hamborger Koopmansdeel anzuzünden. Also setzte ich mich in einen der bequemen und tiefen, braunen Ledersessel und steckte mir eine Zigarre an. Die Hunde rollten sich neben mir auf dem Boden.

Der Mann aus dem Wald mir nicht aus dem Kopf. Sicher hatte er sich mir mit irgendeinem Trick entzogen, dachte ich. Irgendsoein Clown, der sich einen speziellen Spaß mit mir erlaubt hatte, war mein Gedanke. Und dennoch bekam ich das Bild des Fremden nicht aus meinem Kopf. Nachdem ich aufgeraucht hatte, machte ich mich auf den Weg, die Villa und den Park zu kontrollieren. In der Villa traf ich Claudette. Sie war für alles zuständig, was die Wohnlichkeit betraf. Sie war ständig am Reinigen und für frischen Blumenschmuck zuständig. Mein Auftraggeber wollte es frisch und sauber, wenn er von seinen sicher nicht immer ganz sauberenGeschäften zurückkam. Mit der Zeit hatte ich mitbekommen, dass er auch im Waffenhandel tätig war.

Meinen Job teilte ich mir mit zwei anderen Wachmännern. Wir arbeiteten unregelmäßig am Tage und in der Nacht. Es waren erträgliche Typen, die nicht viel sprachen und zuverlässig waren. Mir gefiel diese Einteilung, weil ich das Arbeiten von Montag bis Freitag hasste wie die Pest. Claudette hatte es irgendwann aus Frankreich nach Deutschland verschlagen. Sie sprach das Deutsche mit leichtem Akzent. Ihr Äußeres war sehr gepflegt und man hätte sie für die Dame des Hauses gehalten. Sie hatte an der Sorbonne deutsche Geschichte studiert. Der Hausherr war ledig und gelegentlich übernahm sie die Pflichten einer Ehefrau. Wenn keine Gäste im Haus waren, pflegten sie einen eher distanzierten Umgang.

Es gab auch noch einen Gärtner. Mit diesem rauchte ich ab und zu eine Zigarre. Er mochte meine Hunde. Sein Horizont ging über den eines gewöhnlichen Gärtners hinaus, was mir die Unterhaltungen mit ihm sehr angenehm machten. Der Chauffeur des Waffenhändlers war ein verschlossener Typ und man sah ihm an, dass der bei auftretenden Problemen diese in jedem Fall zu lösen bereit war. Ansonsten gab es noch eine Köchin, aber die trat nur in Erscheinung, wenn der Boss vor Ort war.

Claudette war gerade dabei, den Staub von Möbeln zu wischen. Als sie mich bemerkte, grüßte sie mich kurz und wendete sich dann meinen Hunden zu. Diese Begrüßung fiel sehr herzlich aus, da sie meine Hunde liebte. Als sie fertig waren, setzte ich meinen Rundgang fort. Ich entdeckte nichts Auffälliges. Also ging ich zurück in mein Raucherzimmer und gönnte mir eine weitere Zigarre. Ich liebte die Arbeit in der Nacht. Alles war ruhig und verströmte die Gelassenheit des Friedens.

Außer mir und Claudette war nur der Gärtner auf dem Anwesen. Der Gärtner bewohnte das kleine Gärtnerhaus, das ebenfalls zur Villa gehörte. Aber er ließ sich nicht blicken. Nachdem ich aufgeraucht hatte, widmete ich mich den verschiedenen Tageszeitungen, die der Hausherr abonniert hatte. Dort lagen Le Monde, The Guardian und Die neue Züricher Zeitung. Ich dachte kurz darüber nach, dass ich es gut getroffen hatte, mit diesem Job, und zählte innerlich die ganzen Vorteile für mich auf.

Als es wieder Zeit wurde, nach dem Rechten zu schauen, stand ich auf und machte mich mit den Hunden auf den Weg. Die Nacht war ruhig, der Himmel klar. Noch immer nieselte es leicht vor sich hin.

Das Grundstück war von einer hohen Mauer umgeben. Für einen Gang entlang der Mauer brauchte ich fast eine halbe Stunde. Dazu kontrollierte ich noch die verschiedenen Eingänge der Villa und der Nebengebäude. Manchmal besuchte ich auch den Gärtner. Zurück von meiner Runde widmete ich der Waffenpflege. Dafür ließ ich mich im Raucherzimmer nieder, breitete Zeitungspapier auf dem Tisch aus und zerlegte die Waffe. Die Sig Sauer P226 war ein zuverlässiger Kollege und immer anwesend. Ich kannte die Waffe gut, denn ich unternahm mit ihr regelmäßig Schießtraining. Auf meine Schießkünste bildete ich mir nicht viel ein, aber die Unverständigen im Schießclub neideten mir unverhohlen meine Trefferquote. Das Ziehen der Waffe, das Anvisieren und Abdrücken erledigte ich in einer gleitenden Bewegung. Sie war mir in Fleisch und Blut übergegangen. Und sie beruhigte mich in meinem Job, denn es gab sicher Kunden meines Auftraggebers, die ihm wenig wohlgesonnen waren.

Die fertig gereinigte Waffe schon ich wieder in meiner Holster. Es war ein Schnellziehholster welches dem Ziehen der Waffe keinen Verzug entgegenstellte. Mein Auftrag war die Bewachung des Grundstücks und im Bedarfsfall nach einer Warnung von der Schusswaffe gebrauch zu machen. Das war alles vertraglich geregelt und von den Anwälten des Villenbesitzers abgesegnet.

Nachdem ich meine Waffe wieder sicher verstaut hatte, erlebte ich die zweite Überraschung des Tages. Der Fremde aus dem Wald saß in einem der gemütlichen Ledersessel. Die Beine überschlagen, die Fingerspitzen aneinanderliegend schien er mich schon eine Weile beobachtet zu haben. Aus Reflex hatte ich schon die Hand am Pistolengriff. Doch sein leichtes Schütteln des Kopfes hielt mich davon ab, die Waffe zu ziehen, zumal ich sehen konnte, dass er keine in seinen Händen trug.

„Guten Abend, da bin ich wieder“, sagte er und ließ mich dabei nicht aus seinem Blick. Ich würde lügen, behauptete ich, dass ich völlig verblüfft war. Ich zog jetzt dennoch meine Waffe, ließ ihren Lauf jedoch nach unten zeigen. „John, was kann ich für sie tun?“ fragte ich höflich, die Fassung wieder gewonnen habend, den Finger am Abzug.

„Beruhigen sie sich“, sagte er in ruhigem Ton, „ich wollte nur schauen, ob es sie noch gibt.“ Da stand ich also in meiner Wachmannuniform, die schussbereite Knarre in der Hand, mit zwei aus der Liegeposition zu mir hinaufschauenden Hunden. Die beiden schienen sich an der Anwesenheit des Fremden nicht zu stören. Was mich allerdings etwas wunderte, da der Hollländische Schäferhund extrem vorsichtig war und in der Regel anderen Menschen gegenüber lange misstrauisch blieb.

Jetzt wollte ich doch endlich genauer wissen, was es mit diesem John auf sich hatte. Erst behauptete er mitten im Wald, auf mich gewartet zu haben, dann hatte er auch noch angedeutete, beliebig durch die Zeit reisen zu können, verschwand dann von einem Moment auf den Anderen aus meinen Augen und saß jetzt entspannt und lässig hier im Raucherzimmer, ohne dass ich hätte sagen können, wie es ihm gelungen war, hier herein zu kommen.

„Entspannen sie sich“, hörte ich ihn sagen. „Sie haben bestimmt viel über mich nachgedacht und ich werde ihnen jetzt mein Geheimnis lüften. Ich kann beliebig durch Zeit und Raum reisen. Mich umzubringen, durch eigene oder fremde Hände, ist bisher nicht gelungen. Jetzt bin ich hier, mit ihnen. Und sie werden mit mir klarkommen müssen. Da bleibt ihnen keinen Wahl.“ Mit diesen Worten lächelte er mir ins Gesicht. Er schien sich gut zu amüsieren. Ich saß hingegen wie ein Idiot auf dem Stuhl, die Knarre noch immer in meiner Hand und bekam Lust, ihm ein Loch in den Kopf zu schießen. Aber das hätte ich in diesem Moment schwerlich realisieren können, denn von einem Augenblick auf den Anderen war der Mann aus dem Sessel verschwunden. 

Ich merkte, wie mein Herz zu rasen begann und ich fürchtete, verrückt zu werden. Aber auf einmal saß John wieder in dem Sessel, mit der gleichen lässigen Körperhaltung wie noch vor wenigen Augenblicken, die Fingerspitzen aneinandergelegt. Mir fehlten die Worte. Und bevor ich mich besinnen konnte, war er auch schon wieder weg. Da hatte ich es, dachte ich. Jetzt bin ich verrückt geworden. Mein Verstand, den ich immer für elastisch gehalten hatte, kam mir von wie bröseliger Zement. Im nächsten Moment saß er schon wieder vor mir im Sessel. Lässig, die Beine übereinandergeschlagen, lächelnd. „Und? Reicht ihnen das für’s erste?“ Ich konnte nicht sprechen, steckte jedoch meine Pistole zurück in ihr Halfter. „Selbst wenn sie mich erschießen wollten, hätte das nur zur Folge, dass ich in irgendeiner Zeit, an irgendeinen Ort bewegt werde. Und ich sage ihnen gleich, dass mir der ganze Vorgang dieses Geschehens so rätselhaft ist wie ihnen.“ Damit nahm er den Blick von mir, sah versonnen auf den Boden und schwieg.

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