Eine seltsame Geschichte – Zweites Kapitel

„Rauchen sie eine Zigarette mit mir“, hörte ich ihn sagen, nachdem er genüsslich den Rauch seines ersten Zuges an der Zigarette ausgeblasen hatte. Seine Stimme war angenehm. Er sprach mit einer merkwürdigen Akzentuierung, ohne das ich bestimmen konnte, welcher Herkunft diese war. Da es mir nichts ausmachte, im Nieselregen zu verweilen, drehte auch ich mir ein Zigarette. Meine Hunde standen etwas unschlüssig an meiner Seite. Es waren brave Tiere. Nach ein paar Zügen begann der Mann erneut zu sprechen.

„Gehören sie zu den Lebenden?“ fragte er. Die Frage machte mich im ersten Moment etwas sprachlos. Um die Unterhaltung im Fluss zu halten antwortete ich: „Ich fühle mich sehr lebendig“.

„Das ist gut“, sprach er und zog an seiner Zigarette. Es entstand eine Pause. Der Fremde musste jetzt eigentlich eine weitere Frage stellen, denn wer würde auf die Frage, ob er klug sei, mit nein antworten. Und die Frage kam auch sogleich. „Wie würden sie ihr lebendiges Leben beschreiben?“ Tja, dachte ich, was sollte ich dazu sagen? Ich beschloss so kurz wie möglich zu antworten und sagte: „Also, ich komme, ich weiß nicht woher, ich wurschtel mich so von Moment zu Moment, ich mache Pläne und verwerfe sie und suche meine Ruhe. Und wohin das alles führt, das weiß ich dann auch schon wieder nicht. So ungefähr sieht’s aus.“ „Sie würden also sagen, dass sie recht wenig von sich und dem Drumherum wissen?“ „So ungefähr.“ „Dann haben sie ja einiges verstanden.“

Nun war es an mir, dem Fremden etwas zu entlocken. „Und sie? Warum sitzen sie hier so allein im Wald, im Regen?“ „Ich habe sie gesucht“, antwortete er und sah mir dabei ins Gesicht. Da stand ich also dort im Wald, mit meinen beiden Hunden, es wurde langsam dunkel, der Regen tröpfelte immer noch vor sich hin und ich spürte, wie sich in mir Unsicherheit ausbreitete. Meine Hunde schienen dies zu spüren und strafften sich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mich jemand sucht. Das klang mir sehr nach einer hergeholten Geschichte und ich erwartete, dass er mich gleich um Geld anpumpen würde. Erst Vertrauen schaffen, den Anderen als interessant erscheinen lassen und dann nach Geld fragen, dieses Schema kannte ich.

Weil ich mitunter ein höflicher Mensch bin, fragte ich ihn, womit ich ihm dienen könne. Ich erwartete irgendeine blöde Antwort und machte mich bereit, meinen Weg fortzusetzen. „Mir sind im Internet ihre Texte aufgefallen und ich dachte, sie wären der, mit dem es sich zu sprechen lohnt.“ Mit diesen Worten warf er seine Kippe in eine Pfütze und sah zu mir auf. „Hier? Im Wald?“ sprach ich. „Ja, hier. Ich wusste, dass sie hier irgendwann vorbeikommen würden. Also wartete ich.“ „Und, was kann ich für sie tun?“ wiederholte ich meine Frage. „Lassen sie uns ein Stück gehen. Ich sehe, dass ihre Hunde unruhig werden.“ Er stand auf, ging los und machte eine Geste, ihm zu folgen. Er war eher schlank und etwas größer als ich.

Sein Tempo war recht flott, aber da meine Hunde ebenfalls eine schnelle Gangart bevorzugten, konnte ich gut mithalten. Natürlich hatte ich keine Lust, mit diesem Mann zu mir nach Hause zu gehen, zumal ich an diesem Abend wieder Dienst in der Villa hatte. Andererseits war ich neugierig, was dieser Fremde von mir wollte. Dass er mich berauben wollte, schloss ich aus, da ich meine Hunde bei mir hatte und sicher nicht so wirkte, als würde ich brauchbare Beute mit mir führen.

Banalitäten bezüglich meiner Internetseiten auszutauschen hatte ich keine Lust, also schwieg ich zunächst. Es war der Fremde, der das Schweigen brach.

„Sie fragen sich bestimmt, was ich von ihnen will.“ Das war, in der Tat, der Fall. „Ich komme von weit her,“ fuhr er fort, „und ich brauche von Zeit zu Zeit jemanden, von dem ich das Gefühl habe, er versteht, was ich sage.“ „Das geht mir ähnlich“, erwiderte ich. „Meine Geschichte ist seltsam und sie werden eine Zeit lang brauchen, um zu erfassen, worum es geht. Vor allem werden sie zunächst nicht glauben, was ich ihnen erzähle.“

Jetzt hatte er mich neugierig gemacht. Allerdings war es die Art von Neugier, die mich im Anschluss vermuten ließ, dass ich irgendeinen Stuss zu hören bekommen würde. Und dann kam es. „Wir werden uns demnächst öfter begegnen“, begann er, „ich komme aus allen Zeiten. Sie können John zu mir sagen. Falls sie in ihrer Welt bleiben wollen, das heißt, in ihrem Verständnis dieser Welt, dann sagen sie das jetzt. Ich würde das akzeptieren und wir würden uns nie wiedersehen.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Sie fragen sich vielleicht, was ich anzubieten haben, what I can deliver“, wozu er lächelte, „es ist nicht mehr und nicht weniger als das Seltsamste, neben dem Leben, was ihnen je widerfahren ist und sicherlich widerfahren wird. Es ist derart, dass es ihre Sicht auf sich und die Dinge mächtig umkrempeln wird. Also, was ist?“ Die letzte Frage stellte er kurz und heftig, blieb dabei stehen und sah mich an.

Auch ich und meine Hunde waren stehengeblieben. Meinen Blick auf die Hunde erwiderten diese mit fragenden Augen. Ich überlegte. Was sollte er mir schon groß zu erzählen haben? In mir war schon seit längerem das Gefühl, irgendwie alle Geschichten gehört zu haben, alle Geschichten, bis dorthin, wo alle Geschichten enden. Sollte er meinen Horizont erweitern. Also erwiderte ich: „Gut, ich bin bereit, dann schießen sie mal los.“ Dabei nahm ich meinen Tabaksbeutel, drehte mir eine Zigarette. Nachdem sich auch der Fremde eine Zigarette gedreht hatte, setzten wir unseren Weg fort.

„Also“, sagte der Fremde, „mir geht es wie Ihnen. Ich weiß nicht, woher ich komme, meine Gegenwart erschließt sich mir nur sehr begrenzt und was aus all dem werden wird, das weiß ich auch nicht. Insofern haben wir eine gemeinsame Grundlage. Im Gegensatz zu ihnen kann ich an jeden Ort der Welt, zu jeder Zeit.“ Mit diesen Worten sah er mich im Gehen an und bat mich erneut um meinen Tabak. Ich dachte natürlich, dass ich einem aus der Irrenanstalt Entlaufenen begegnet wäre und stapfte auf den Boden blickend voran. „Das ist ja eine dolle Geschichte“, sagte ich, „und was heißt das?“ Mit diesen Worten sah ich zu dem Fremden neben mir, aber dort war niemand mehr. 

Ich blickte nun vollständig auf, blieb stehen, sah um mich herum, starrte in den dunkler werdenden Wald, konnte aber niemanden sehen. Meine Hunde verhielten sich völlig normal. Sie standen dicht bei mir und blickten in entspannter Haltung in verschiedene Richtungen.

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