Ich

Ich dachte gerade, vielleicht sollte ich Ihnen etwas konkreter über mich mitteilen. Manchmal ist es hilfreich zu wissen, wessen Texte man liest.

Vermutlich ist für Sie gerade das interessant, über mich zu erfahren, was ich Ihnen nicht mitteile. Aber ich will hier keinen striptease ausführen.

Mein Alter ist 53, meine Ausbildung hatte die Schwerpunkte Philosophie, Politik, Geschichte und Psychoanalyse. Das sind die Themenfelder, die ich professioneller für mich erarbeitet habe. Beruflich war ich u. a. mit Beratung von Menschen beschäftigt. Die Menschen kamen aus verschiedenen Ländern, aus unterschiedlichen Milieus. Ich lernte sie mit der ganzen Breite an Bildungshintergründen kennen, mit diversen Krankheiten. Sie waren beiderlei Geschlechts und in den Altersstufen von 18 bis 65 Jahren.

Ich beriet sie im Umgang mit den Behörden bezüglich verschiedener Sozialleistungen, im Umgang mit den Menschen auf den Behörden, im Regelwerk des Sozialgesetzbuches und versuchte ihnen sinnvolle Einstiegshilfen in das gemeinschaftliche Leben und Arbeit und Ausbildung zu geben. Gemeinsam entwickelten wir Strategien, welcher der geeignetste Weg für sie ist. Die Erfassung ihrer kompletten persönlichen und beruflichen Daten gehörte ebenfalls zu meinen Aufgaben.

In der Summe lernte ich so im Laufe der Jahre tausende Menschen mehr oder weniger kennen. Ich habe sie nicht gezählt.

Nebenbei schraubte ich an Luxuskarrossen der Marke Porsche, lieferte ich in Hamburg südländische Spezialitäten an Restaurants und Lebensmittelhändler und half bei Haushaltsumzügen auf professioneller Ebene.

Das sind die groben Eckwerte meiner Professionen. Daraus folgend kann ich für mich behaupten: Wenn man nicht wie Buddha in sich ruht und nicht bereit ist, mit Steinen zu sprechen, dann sollte man einige meiner Jobs der Vergangenheit besser nur kurz ausüben.

Aktuell bin ich Wachmann in einer Flüchtlingsunterkunft in Ostdeutschland. Dieser Job kommt mir sehr entgegen, da ich viel Zeit habe, in Ruhe nachzudenken und das zu tun, was mir wichtig ist. Im Umgang mit Menschen verschiedenster Nationalitäten bin ich durch meine Vergangenheit solide geschult. Dies spart Kräfte in der Auseinandersetzung mit dem, was andere Menschen an mich herantragen.

Ein großer Schluss, den ich aus all meinen Erfahrungen meiner vergangenen Jobs und meiner gegenwärtigen Tätigkeit ziehe ist: Dummheit und Unbildung und menschenverachtendes und selbstverachtendes Verhalten sind extrem verbreitet und international.

Ob es ein Segen oder ein Fluch ist, das kann ich nicht genau bestimmen, aber meine Bewertung eines Menschen, selbst wenn dieser noch 10 Meter von mir entfernt ist und mir unbekannt, liegt meistens richtig.

So, wie Sie vielleicht Automarken oder Pferde oder Flugzeuge oder Pflanzen mit sicherem Blick erkennen und bestimmen können, so geht es mir mit Menschen. Ich bin da noch nicht am Ende meiner Entwicklung, aber soweit, dass ich in meiner Freizeit Menschen meiden muss, da mir das Elend derselben sozusagen ins Auge springt. Und wenn ich unter Menschen, gar vielen Menschen bin, dann bekomme ich Augenschmerzen.

Ich hänge mir keine Bilder in meine Wohnräume, die ich abstoßend finde – genau so meide ich in meiner Freizeit Menschen, denn sie verkörpern für mich in den meisten Fällen nur Elend, Chancenlosigkeit, letztlich Scheitern auf allen vorstellbaren Ebenen.

Natürlich kenne ich ein paar Menschen, deren Gefühls- und Geisteszustände mit dem Begriff ‚Vernunft‘ in Verbindung zu bringen sind und deren Gegenwart ich genießen kann. Aber selbst diese Menschen muss ich nicht jeden Tag sehen, mir reicht ein gelegentlicher Kontakt, um mich zu versichern, dass ich noch einigermaßen am Leben bin.

Beziehungstechnisch lebe ich mit einer klugen Frau zusammen. Unser Zusammensein beruht auf Verstehen und Vertrauen. Meine beiden Hunde Alina (Kurzhaar-Colli-Mix, fünfeinhalb Jahre) und Lea (Holländischer-Schäferhund-Mix, zweieinhalb Jahre) sind mir meine liebsten Begleiter. Sie halten mich in Bewegung, durch sie bin ich aufgefordert, neue Ort kennenzulernen, sie schulen mich in meiner Person. Sie tuen mir immer und insgesamt gut.

Mir Hunde anzuschaffen, die treuesten Begleiter des Menschen, ist vermutlich ein logischer und notwendiger Schritt gewesen, um in der Gesellschaft von Menschen nicht im Elend zu versinken.

Und ich meine, im Elend des Lebens und der Menschen zu versinken, sollte nicht das Ziel des Lebens sein.

Jobmäßig lebe ich die Hälfte meiner Zeit (abzüglich des Schlafs) mit ca. 150 Menschen zusammen. Da kann ich in meiner Freizeit auch nicht einen Idioten länger ertragen als absolut notwendig. Selbst das Einkaufen ist für mich eine Mühsal. Die Elenden machen vor dem Supermarkt nicht halt.

Massenveranstaltungen meide ich sowieso, wie im Grunde jeden Ort, wo mit Sicherheit davon auszugehen ist, dass sich dort Menschen aufhalten.

Gelegentlich treffe ich andere Hundebesitzer und einige von denen sind gut verträglich für mich. Mit denen halte ich dann einen kurzen oder längeren Schwatz und genieße deren Hunde.

Mit dieser mir eingestandenen Menschen-Vermeidungshaltung geht es mir besser als zuvor. Noch vor Monaten kam es mir nicht mal in den Sinn, dass es für mein Wohlbefinden gut sein könnte, Menschen so gut es geht zu meiden. Aber da die meisten Menschen für mich nur elende Geschöpfe sind, deren Gegenwart ich nichts als Scheitern und Verzweiflung und Suff und destruktives Verhalten abgewinnen kann, das große Unverständnis sozusagen, ist es legitim, mich so zu entscheiden.

Ich suche ja auch nicht freiwillig täglich das Schwimmbad auf, um mich anschließend darüber zu beschweren, das dort Schwimmer sind.

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