Mein Leben mit Hunden Teil 9

Man kann viel von Hunden lernen – vorausgesetzt man kann lernen und man will lernen. Aber was kann man da eigentlich lernen? Ist das nicht nur so ein Spruch?

Natürlich ist das nicht nur ein Spruch. Man kann zum Beispiel lernen, dass man selbst nicht der Hund ist und der Hund nicht man selbst. Was? Das ist doch klar? Wenn ich mich so anschaue und andere Hundebesitzer, dann habe ich nicht selten das Gefühl, dass man meint, der Hund sei man selbst und wüsste daher, was zu tun sei. Weit gefehlt!

Meine Meinung ist die, dass der Hund im Grunde alles kann, was man von ihm verlangen kann. Wie man das erreicht, was man vom Hund will, das hängt vom Hundeführer ab. Und wenn der Hund nicht das tut, was er soll, dann muss der Hundeführer etwas ändern, sich verändern, sich somit in gewisser Weise entwickeln. Er muss eine neue Herangehensweise in sein Handeln aufnehmen, die er bisher dem Hund in dem speziellen Fall noch nicht gezeigt hat. 

In diesem Wandel des Handelns steckt, meine ich, schon so etwas wie Lernen. Und wer dazu nicht bereit und/ oder nicht in der Lage oder Willens ist, der wird seinem Hund nichts beibringen können und von ihm auch nichts lernen.

Mein erster Hund, Alina, der Kurzhaarcolli-Mix aus Rumänien, der hatte zunächst sehr viel Angst, wenn wir gemeinsam unterwegs waren. Alle fünf Meter drehte er sich um und bei Begegnungen mit anderen Hunden und Menschen zog er sich in sich zusammen, klemmte den Schwanz ein und wollte sich am liebsten verdrücken.

Aktuell sieht es so aus, dass Alina die anderen kommen sieht, aufmerksam die Lage peilt und dann cool am anderen Gespann vorbeigeht. Manchmal will sie dann noch zurück, um doch noch eine Nase vom anderen Hund oder Menschen zu nehmen. All dies geschieht ohne Wuff und ohne Kläff.

Schätzt sie andere Hunde und Menschen als doof ein, kann sie allerdings auch knurren und bellend klarstellen: Bis hierher und nicht weiter. Allerdings ist das vielleicht in einem von 20 Fällen der Fall, wenn überhaupt. Alina ist sehr cool und selbstsicher geworden, bzw. kann sie jetzt ihre Coolness und Selbstsicherheit ausleben.

Alina hat gelernt, mir in gewisser Weise zu trauen. Dieses Vertrauen kommt auch daher, dass ich mein Verhalten änderte. Meinte ich zunächst, sie durch alles hindurchschleifen zu müssen, was ihr widerstrebt, hörte ich recht schnell auf den Rat eines erfahrenen Hundeführers, dies sein zu lassen. Wenn uns also ein Mensch-Hundeteam entgegenkam und Alina starke Furcht zeigte, blieb ich zunächst stehen und machte mit ihr einen großen Bogen um das andere Team, mitunter ging ich auch den Weg zurück, den wir gekommen waren. 

Der Hund konnte so lernen, dass ich auf seine Einschätzung der Situation Rücksicht nehme, dass ich auf ihn achte, dass ich ihn im Auge habe. Bei all dem versuchte ich stets ruhig zu bleiben. Denn nur wenn ich ruhig bin, hat auch der Hund, wenn es unklar wird, die Chance, sich ruhig und besonnen zu verhalten.

Als Prüfung meiner Befindlichkeit unterziehe ich mich öfter einer Selbstkontrolle. Ich frage mich, habe ich festen Bodenkontakt? Sind meine Knie locker? Sind meine Pobacken zusammengekniffen? Sind meine Unterkiefermuskeln entspannt? Was ist mit meinem Atem? Kralle ich die Leine fest?

Wenn das alles locker und entspannt ist, dann kommt das beim Hund auch an. Deshalb trage ich auch, wenn ich mit den Hunden unterwegs bin, Kleidung, die schmutzig werden darf, die kaputt gehen darf, die mir das Gefühl geben, gemeinsam mit dem Hund ohne Probleme durch den Schlamm robben zu können. Dazu festes Schuhwerk, am besten feste Stiefel und alles ist klar.

Dadurch beeinflusse ich mich selbst dahingehend, und natürlich auch den Hund, mit diesem durch Dick und Dünn zu gehen. Meine innere Grundhaltung während des Gassigehens ist die, jedem und allem sofort das Lebenslicht auszublasen, sobald er für mich oder die Hunde eine Gefahr darzustellen droht. Schweigen ist hier das Mittel der Wahl. Wenn irgendein Penner dumm rum labert, soll er. Immer labern lassen. Wenn er uns angreift, bekommt er die Antwort. Diese Haltung und dieses Auftreten verschont uns vor Begegnungen, die mit einem Wort zuviel einfach nur Stress bedeuten würden. Meine Hunde haben die Möglichkeit zu erahnen, dass ich kein blödsinniges Risiko eingehe, also eher besonnen handel, aber im Ernstfall zu allem bereit bin.

Und so kamen wir bisher sehr gut um die Ecken. Ich sehe mich und meine Hunde als eine Art Streetgang. Ich bin der Boss, dann kommt Alina, nicht unwesentlich ungefährlicher, und dann Lea, die, wenn wir noch eine Weile zusammengehen, mit 100 % Einsatz dabei sein dürfte.

Jetzt denken Sie vielleicht hui, denen möchte ich nicht begegnen, aber da liegen sie falsch. Die meisten unserer Begegnungen mit anderen Teams verlaufen auf freundlicher Kontakbasis bis hin zu Freundschaften (unter den Hunden), bei denen sich alle pBeteiligten bei einer Begegnung vollständig aufeinander freuen. Das Hinterteil wackelt beim Hund, der Kopf ist unten, die Ohren angelegt und manchmal ertönt sogar ein Winseln. Und das 30 Meter vor dem eigentlichen Kontakt.

Mein Hund will dort entlang, wo ich lang will

Mein Hund ist bockbeinig und streubt sich mit allen Gliedern den Weg gehen zu wollen, den ich gehen will. Den Weg der ihm im Sinn steht, ist jedoch (aus welchen Gründen auch immer) ausgeschlossen. Was tun?

Ihn wie einen Sack Kartoffeln über den Boden schleifen (ist mit 3 fach Sicherheitsgeschirr möglich)? Ihn anschreien? Ihn 100 x bitten, doch mitzukommen? Ihn mit Leckerlis locken? Bis auf die Leckerlis habe ich alles probiert und alles das stellte und stellt mich nicht zufrieden. Also, was tun?

Etwas Neues ausprobieren, mir etwas einfallen lassen. Etwas lernen. Also dachte ich nach und mir kam der Gedanke, mich freundlich neben meinen Hund zu knien und ihn sanft berührend kurz erklären, worum es geht, 10-15 Sekunden lang (so, wie ich es gerne wollen würde, wäre ich der Hund). Das klappt manchmal und ist mir der liebste Weg. Wenn das nicht funktioniert und Alina weiter bockig ist, dann nehme ich Augenkontakt mit ihr auf, schaue so böse wie ich kann, blase dabei die Backen auf und ziehe leicht an der Leine. Diese Methode hatte bisher fast immer zum Ziel, dass Alina folgsam mit mir in meine Richtung trabte. 

Wenn diese Methode nicht funktioniert, dann kann es sein, dass sie etwas wahrnimmt, was ich nicht wahrnehme und dann schaue ich mir die Situation genauer an.

An einigen Stellen im Wald, auf neuen Wegen, will sie ab und an nicht weiter. Kein Mittel hilft. Dann kehre ich in der Regel um. Es können Wildschweine oder sonstige Gefahren von Alina erkannt worden sein, die mir verborgen blieben und dann vertraue ich auf meinen Hund. Insgesamt ist das sowas wie gegenseitiges Vertrauen. Und was gibt es besseres, als berchtigtes gegenseitiges Vertrauen?

Gelernt habe ich auch, dass, wenn ich etwas Spezielles vom Hund will, viel Zeit, Geduld und Gehirnschmalz und Einfühlungsvermögen notwendig sind, sowie eine mitunter unüberschaubare Zahl an Wiederholungen.

So sind meine Hunde zurzeit sehr auf die Mäusejagt fokussiert, was mir ein bisschen auf den Sender geht. Also, was tun? Ich muss sie mit etwas Anderem beschäftigen, zum Beispiel mit einem Futterbeutel, um über diesen Weg gemeinsames Spiel zu eröffnen, welches die Mäusejagt ergänzt. 

Mit Hunden rumhängen, schult, lehrt auch, den Hund zu lesen, zu erkennen, wie er gerade gestimmt ist. Ist er zum Beispiel in einer Abschlaffphase, dann macht die Aufforderung zu einem Spiel wenig Sinn. Ist er in Spiellaune, dann ist die Aufforderung zu einem Silentium (wie nach dem Fressen), nicht passend.

Es gibt auch Unterschiede beim Hund, wie sehr er an einer Schnüffelstelle interessiert ist. Manche sind für ihn wirklich interessant, was er durch Bockbeinigkeit beim Weitergehenwollen anzeigt, von manchen lässt sich mit leichtem Zupfen an der Leine abbringen.

Vom Hund lernen, heißt auch, im Jetzt leben lernen. Der Hund lebt nahezu vollständig im Jetzt. Er hat keine Ablenkung durch Gedanken an Vergangenheit und Zukunft, er hat kein Smartphone, macht sich keine Sorgen, ist psychisch in der Regeln nicht gestörter als sein Hundeführer. Für den Hund ist, so man ihn nicht nervt, erstmal immer alles o. k. 

Wenn ich also mit meinen Hunden unterwegs bin, tue ich gut daran, auch erstmal alles o. k. und gut und richtig zu finden, die Vergangenheit und Zukunft so gut es geht vollständig auszublenden und mich voll und ganz auf das jeweilige Hier und Jetzt zu konzentrieren. Das geht und tut mir sehr gut. Zeigen sich bei mir körperliche Beschwerden während des Gassigehens, dann kann ich etwas dafür tun, damit diese nachlassen und das gilt es dann auch zu tun., im jeweiligen Hier und Jetzt. Nichts aufschieben, es gibt nur das jeweilige Jetzt mit allem.

Eine erfahrene Hundeführerin sagte mir mal, für den Hund ist das Rumhängen mit dem Hundeführer und das Unterwegs sein keine Freizeitbeschäftigung, sondern „der Stoff seiner Existenz“. Und ich finde, da ist eine Menge dran und vieles, was ich mir abschauen kann. Das Jetzt als „Stoff der Existenz“, so sieht‘s doch aus, oder was?

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