Hamsterräder…

Für den Piloten der Air-Dolomiti-Maschine mag sein Tun sicher ein Hamsterradjob sein. Täglich München-Ancona und zurück, fünf Tage die Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Für einige Mitfliegende steht das Flugzeug jedoch für das Verlassen abgelaufener Wege, für das Verlassen ihres Hamsterrades.

Wer steckt nicht im Hamsterrad? Morgens zu immer der gleichen Zeit aufstehen, die immer gleichen Handlungen in immer der gleichen Reihenfolge durchführen, zur Arbeit fahren (den immer gleichen Weg), immer dieselben Arbeitsinhalte, ob Gehirne operieren, Gallenblasen entfernen, Straßen bauen, Gedichte schreiben, immer und stets dasselbe tun. Die Kollegen bleiben auch immer dieselben, keiner entwickelt sich, Vorgesetzte entwickeln sich nicht, Kunden auch nicht, die Arbeitsgeräte wechseln alle fünf bis zehn Jahre. Das war’s. Abends zurück, ebenfalls den immer gleichen Weg, zuhause immer der gleiche Ablauf, Jahre, Jahrzehnte, bis zum Herzinfarkt.

Das Hamsterrad wirkt irgendwie nicht besonders ansprechend. Zu allem Überfluss redet man sich dasselbe mitunter auch noch schön. Man denkt, dass man außerhalb des Hamsterrades nicht glücklich werden könnte, ist es aber, bei genauerem Hinsehen, im Hamsterrad schon gar nicht. Aber man denkt sich, besser das Hamsterrad schöngeredet, als sich nach etwas anderem umzusehen.

Geklagt wird dabei viel, alles und jeder verteufelt, das Gleiche immer wieder verteufelt, mittels identischer Varianten. Die Zeitungen liefern die Nahrung, die Nachrichten, die Geschichten der anderen ebenso.Man selbst schießt täglich die immer gleichen Kugeln aus immer demselben Magazin. Alles ist schlecht, übel und eigentlich zum Kotzen, aber das Hamsterrad geht doch eigentlich, ist doch gut…

Wer könnte das Hamsterrad beklagen, der nicht in ihm gelaufen ist?

Free-movements sind der Versuch eines Ausbruchs aus alles Hamsterrädern. Hamsterrad adieu.

Man braucht eine Internetseite, die nicht immer den gleichen Krempel liefert, die manisch-depressiv immer gute Laune nach außen trägt, die im Schlamm versinkt – braucht niemand. Natürlich brauchen wir Wiederholungen, das Bekannte, das uns Orientierung und Sicherheit gibt. Aber wir brauchen auch das Neue, und zwar in erheblicherem Maße, als wir uns das normalerweise zugestehen.

Heute Morgen wollte mein älterer Hund nicht wie immer in die Richtung, in die wir immer gehen, sondern genau in die entgegengesetzte. Und das tat uns gut, ihm, mir und dem zweiten Hund. Einfach mal, wie Thomas Bernhard es in einem seiner autobiografischen Büchlein schreibt, ‚in die entgegengesetzte Richtung gehen‘. Nicht nur in eine andere Richtung, sondern in die genau der alten Richtung entgegengesetzten Richtung. Dorthin sollten wir uns ab und zu aufmachen. Und das meint nicht, das Hamsterrad andersherum zu bearbeiten.

Wo wollen Sie hin?

Viel Spaß beim Gehen und interessante Entdeckungen wünscht Ihnen, Ihr Jörg Baumann.

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