Minus 30 %

Kennen Sie das? Sie sprechen mit einem Gegenüber und haben das Gefühl, derjenige hört nicht richtig zu, ist irgendwie abwesend. Schon erlebt? Ich erlebe das ständig und das hängt damit zusammen, dass ich mir einerseits recht gut zuhöre, wenn ich etwas sage und natürlich ebenso gut zuhöre, wenn mein Gegenüber etwas sagt. Die meisten Menschen, mit denen ich spreche, labern eher so daher und wenn eine Thema vertieft werden könnte, verabschieden sie sich – kennen Sie das? Dass Sie im Grunde mit so gut wie niemandem zu irgendeinem Thema mehr als zwei unterschiedliche Sätze wechseln können?

Ich vermute das liegt einmal daran, dass man mit jeder Vertiefung, welchen Themas auch immer, recht schnell bei sich und dem Gegenüber ist und dann der Mechanismus der Verdrängung zu wirken beginnt. Beispiel Fremdenhass – da stellt sich z. B. schnell die Frage, wieviel Fremde die Gesprächspartner eigentlich kennen. Und man kommt dahin, dass die mit dem größten Hass meist die wenigsten bis keine kennen. Sie hassen also etwas, was sie nicht kennen.

Das ist dann schon sehr seltsam und lässt den Hassenden als ziemlichen Blödmann dastehen. Die Frage, warum dieser Mensch nun etwas hasst, was er nicht kennt, würde dann schon etwas tiefer in die Seele des Betroffenen gelangen. Jetzt droht nicht nur als Blödmann dazustehen, jetzt droht ein Bereich des Hassenden berührt zu werden, der von diesem (warum auch immer) sorgsamst verdrängt wird. Dieses Verdrängte muss vom Hassenden natürlich weiterhin verdrängt werden und so richtet sich der Hass dann, bei weiterem Bohren und Nachfragen, gegen den bohrend Nachfragenden – wobei wir dann wieder beim Hass wären.

Wie haben also einmal den Bereich des Verdrängten und die Unfähigkeit, bzw. Unmöglichkeit über diesen Bereich auch nur Ansatzweise ein halbwegs vernünftiges Gespräch zu beginnen. Somit steht dann unser Hassender nicht nur als Blödmann da (hasst, was er nicht kennt) sondern zusätlich als hilfloses Würstchen (kann nicht über sich sprechen). Dieses ’nicht über sich sprechen können‘ ist sehr weit verbreitet und im Grunde nur durch nichts oder den Besuch eines Psychiaters aufzulösen. Aber wer kann sich schon dem Nichts zuwenden und wer hat die Intelligenz, sich auf ein Gespräch mit einem Psychiater einzulassen? Sehen Sie!

Dieser Umstand zieht schon mal die meisten geistigen Kräfte der Mitmenschen in den schwarzen Schlund des Unerreichbaren. Diese schon nach den ersten Sätzen bezüglich eines Themas einsetzende Unerreichbarkeit würde ich jedoch als ’normal‘ bestimmen wollen. Wer ist schon frei von Verdrängungen? Der Unterschied ist einfach der, dass die Verdrängung bei dem einen bereits nach einem Satz oder Wort (je nach Thema) startet, bei dem anderen erst nach vielleicht hundert Sätzen.

Die Frühverdränger leben ziemlich im Dunklen und ihre Freude am Leben können Sie nur noch durch Drogenmissbrauch, Medikamentenmissbrauch, Alkoholmissbrauch und andere Suchterscheinungen und Missbräuche kurzfristig herstellen. Allerdings bedarf diese Herstellung mit dem Lauf der Zeit immer höhere Dosen an Suchtverhalten – die Dauer der Wirkung lässt immer schneller nach, ist also ’ne tote Hose. Und obwohl es ’ne tote Hose ist, sind die Betroffenen nicht zu einer Verhaltenskorrektur in der Lage.

Zur Verdrängung kommt nun also noch das Suchtverhalten – wird das Gegenüber bei einem Thema, das seinen Verdränungsapparat in Schwung bringt, extrem schnell wütend und hasserfüllt, lenkt das Suchtverhalten auf andere Art ab.

Die Verdrängung frisst Energie für die Abwehrmaßnahmen (Hass auf den Fragenden und Suche nach Ablenkungsthemen). Das Suchtverhalten zeigt sich unter anderem so, dass z. B. der Trinker stets und ständig ’ne Flasche Bier oder Schnaps im Kopf zu haben scheint wenn man mit ihm spricht. 30 % des Bewusstseins sind ständig mit der nächsten Flasche Bier beschäftigt.

Verdrängung und Suchtverhalten reduzieren also die eh schon mitunter sehr beschränkten intellektuellen Möglichkeiten der Menschen derart, dass ich mich mittlerweile zu fragen beginne, ob da bei dem ein oder anderen überhaupt noch was ist.

Und das im wahrsten Sinne des Wortes Verheerende daran ist, dass ich kaum auf nüchtere, bzw. suchtfreie Menschen treffe – wieviel kennen Sie? Die, die meinen, dass sie nicht verdrängen und ihre Sucht im Griff haben, die sind dabei meist die pathologischsten Fälle.

Ein nüchterner Blick (selten) sieht die Welt vielleicht eher aus diesem Winkel,

ein mittelnüchterner (häufig) aus diesem,

der bewusstseingetrübte Blick schaut die Welt eher so,

oder so:

Ziehen wir also von 100 % Aufmerksamkeit bezüglich eines Themas 70 % für Verdrängungsleistungen ab und 30 % für innere Orientierung nach dem nächsten ‚Schuss‘, dann bleibt nach Adam Riese nicht mehr viel übrig – oder wie sehen Sie das?

Vielleicht verstehen Sie jetzt etwas besser, warum die Artikel von mir so sind, wie sie sind. Was einem bleibt, sind der Witz und der Humor, wobei Letzterer auch nicht so weit verbreitet ist.

Machen Sie sich einen schönen Tag, genießen Sie das Leben (wie es auch sei), rücken Sie es, wenn es schief läuft in die richtigen Bahnen, bis später, Ihr mit Genuss Zigarretten rauchender Jörg Baumann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.