Denken und Leerstand

Guten Morgen meine sehr verehrten Damen und Herren. Wenn wir ehrlich sind, ‚eiern‘ wir während unserer Erdenzeit doch nur so rum – Föten werden noch im Mutterleib abgetrieben, die Geburt im Sammellager für Flüchtlinge, an irgendeiner Grenzen zwischen nichts und nirgendwo, im Kindesalter dem Tod geweiht, oder das Gleiche irgendwo in Zentralafrika, der Tod auf der Autobahn, der Herzinfarkt usw., usw. – was können wir schon bestimmen?

Wann unser Wecker klingelt? Ob wir in irgendeine Hall of sonstwas aufgenommen werden, in Enzyklopädien (nach unseren Ableben)? Was wir morgen zum Frühstück essen werden? Wer der Vorgesetzte sein wird, dem wir übermorgen in den Hintern kriechen müssen? Welcher der Gedanke sein wird, welchen wir in fünf Minuten denken? Welcher Laden den nächsten Kasten Bier am günstigsten anbietet? Wie morgen das Wetter wird?

Machen wir uns nichts vor, im Grunde wissen wir zwar eine ganze Menge, zumindest einige von uns, aber die Fragen mit Gewicht stehen unbeantwortet im Raum. Was war vor dem Universum? Wo kommt der ganze Kram her? Wie werden wir sein, wenn wir nicht mehr leiblich sind, so am Frühstückstisch mit Eigelb an den Mundwinkeln.

Einige meinen, dass sie Antworten haben, allerdings sind diese für alle Menschen ungefähr so verbindlich wie eine Axt im Wald.

Also, was soll’s? Was bleibt uns? Die Anhäufung von Dingen, Posten, Ehren und Medallien? Für einige sind diese Ziele elementar: die eigene Hütte, der eigene Pool, der eigene Fuhrpark, die unendlichen eigenen Dinge im Keller, auf dem Dachboden, in der Garage. Manche Menschen mieten sich ganze Hallen, um ihren Krempel zu bunkern.

Verspricht das alles Glück? Hält das Streben nach Dingen, Ehren und Titeln sein Versprechen? Das Versprechen nach angenehmen Gefühlen? Ich denke nein. Gut hört sich in diesem Zusammenhang an, wenn ich höre, dass nicht die Anzahl der Dinge, die man sein eigen nennt, von Bedeutung ist, sondern wie man mit den vorhandenen Dingen umgeht. Und was ist es für ein Umgang mit Dingen, wenn sie irgendwo unberührt über Jahre irgendwo rumstehen? Immerhin hat ihre Herstellung Energie und Lebenszeit anderer Menschen gekostet, kostbare Lebenszeit! Denkt aber niemand drüber nach…

Ich denke, das einzige, was uns bleibt, ist, vorausgesetzt man ist geistig und körperlich einigermaßen beeinander, irgendwelche Projekte am Start zu haben. Praktische Vorhaben, für die einige Dinge notwendig sind und die unter Umständen das Mitmachen einiger anderer Menschen zur Folge haben (aber nicht notwendigerweise).

Ich schätze zum Beispiel das Bogenschießen mit Primitivbögen (so wie die der Neandertaler oder anderer Vorfahren), das Musizieren (mit hochtechnischen Geräten, z. B. Oboe), das Schachspielen mit relativer Gewinnabsicht, natürlich das Krocketspielen (hier Cross-Croquet, mangels geeigneter Croquetplätze), das Schreiben für blogs (ohne Hochglanz, Schein und Schimmer), das Autofahren (mit irgendeiner Karre) und natürlich das Abhängen (wo und wie auch immer) mit meinen Hunden. Irgendwas habe ich sicher vergessen, aber so ungefähr sieht es aus.

Im reichen Europa ist die Realisierung solcher Vorhaben relativ einfach. Wenn man sein Geld nicht für unendlichen Krempel, Drogen, Unmengen an Alkohol und Statussymbole (die eine höhere Klassenzugehörigkeit vorgaukeln sollen) und anderen Müll verschwendet, ist vieles möglich.

Um bei seinen Projekten einigermaßen zufrieden sein zu können und sogar Spaß zu haben, sollte man sich jedoch dem Phänomen der Verdrängung und der Projektion angenähert haben. Man sollte sich also einigermaßen klar darüber sein, dass man Unliebsames in sich gerne verdrängt, nicht wahrhaben will (Verdrängung), höchstens eine hundertstel Sekunde zur Kenntnis nimmt und dieses in der Folge gerne anderen zuschreibt (Projektion).

Wem das Prinzip von Verdrängung und Projekt nicht klar hat, sieht da draußen nämlich dauernd irgendetwas Doofes, Ekliges, Widerwärtiges, Schlechtes, Dummes, also all das, was man für sich nicht wahrhaben will, bzw. kann und vor allem nicht in der Intensität, in der man es nach draußen schiebt und an anderen wahrnimmt! Nicht können deshalb, weil über das Phänomen der Verdrängung und Projektion ungefähr so häufig und intensiv nachgedacht wird, wie über das Problem, wie Mohlekühle und Atome, wie überhaupt das Gehirn (Strom und Chemie und Wechselwirkungen) irgendwelche Bilder und Zusammenhänge herstellt. Das Nachdenken über Verdrängung und Projektion erfordert nämlich eine Vorstellung davon, was Denken ist, was wir tun, wenn wir sagen: Ich denke nach. Fordern Sie mal irgendjemanden, vor allem denjenigen, der sich für besonders schlau hält, auf, Ihnen seine Vorstellung von ‚Denken‘ mitzuteilen, sie werden lachen (das ist die Antwort auf die Frage: Wie lache ich über nichts :).

Ohne über Verdrängung und Projektion nachgedacht zu haben, kann jedes Projekt, jedes noch so fröhlich angeplante Projekt einfach nur scheitern. Man sieht in der Praxis da draußen dann ja nur Negatives (was man eigentlich in sich wahrnehmen sollte, was man aber verdrängt und anderen und anderem zuschreibt).

Also, lassen Sie uns während unserer gemeinsamen Zeit, möglichst unverdrängt und unprojeziert an uns und die Dinge herangehen, damit der Spaß auch das wird, was er verspricht.

In diesem Sinne, wachen Sie gut auf und machen Sie was aus sich und Ihrem Tag – verbindlichst, Ihr Jörg Baumann.

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